SODOM-Logo

Sodom und Gomorrha

von Oliver Geppert

Eine Frage, die recht häufig an uns herangetragen wird, ist die nach der Herkunft des Namens "SODOM". Viele Leute schrecken bei dem Namen zurück, weil sie automatisch das biblische Sodom bzw. die danach benannte Sodomie damit verbinden. So gab es auch schon Vorschläge die Gruppe in weniger Verfängliches, weniger Provokantes umzubenennen, um die Hemmschwelle zu senken, uns zu besuchen. Coming-outler, die es dann doch zu SODOM geschafft haben, erzählten davon, welche Probleme sie zuerst mit dem Namen hatten. Dieser Artikel will versuchen, einen Durchblick durch das Irren und Wirren um den Namen zu schaffen.

Gegründet wurde SODOM als Schwulen- und Lesbeninitiatve SLI. Mangels Lesben wurde die Gruppe aber ein Jahr später in eine reine Schwulengruppe umgewandelt, weshalb auch ein neuer Name notwendig wurde. SODOM wurde nicht nur gewählt, weil er provokativ wirkte, sondern auch mangels brauchbarer Alternativen! Inzwischen ist die Gruppe nicht nur an der Uni Dortmund, sondern deutschlandweit unter dem Namen SODOM bekannt. Aus diesem Grund wird über eine Umbenennung der Schwuleninitiative im Moment auch nicht nachgedacht.

Spannender dagegen ist die Beschäftigung mit dem Wortfeld, daß sich bei vielen Leuten mit Sodom und Gomorrha und Sodomie verbindet. Darunter fällt natürlich die Homosexualität, im gleichen Atemzug aber auch Sex mit Kindern und Tieren und noch wesentlich schlimmere sexuelle Ausschweifungen (die aufgrund ihres schlimmen, sexuell-ausschweifenden Charakters selten näher bezeichnet werden).

Die Beweise gegen Sodom (in dieser Schreibweise sei die Stadt gemeint) sind natürlich in der Bibel zu suchen. Allerdings sind sie dort mehr als spärlich um den Ruf, den Sodom hat, zu rechtfertigen. Sieht man mal vom Abfall des Königs von Sodom vom Perserkönig ab, wird nur an einer Stelle eine Untat wirklich beschrieben. Dies ist die bekannte Stelle in der Genesis, Kapitel 19. Die Einwohner Sodoms kommen zu Lot und verlangen, daß er seine beiden männlichen Gäste herausgibt, damit sie vergewaltigt werden können. Für Lot ist das Gastrecht heilig und er läßt sie lieber seine Tochter vergewaltigen. Daraufhin wird Sodom vom himmlischen Feuer vernichtet. So weit die Geschichte.

Worin besteht nun das Verbrechen der Sodomiter? Ist es die homosexuelle Handlung oder ist es die Vergewaltigung? Auf jeden Fall sollte den beiden Gästen Lots eine Demütigung widerfahren. Werden sie von Männern vergewaltigt, so müssen sie in der heterosexuellen schwarz-weiß Sexualität von Mann und Frau den weiblichen Part annehmen. Frauen aber sind in der patriarchalischen Gesellschaft der Bibel dem Manne untertan und fast rechtlos. Ein symbolisches "zur Frau machen" war für damalige Verhältnisse wohl eine der schlimmsten Demütigungen, die man sich denken konnte. Sogar in unserer heutigen Gesellschaft finden sich Männer, die sich weigern, das Geschirr zu spülen oder das Klo zu putzen!

Sucht man in der Bibel weiter nach den sodomitischen Vergehen, so sucht man vergebens. Es finden sich allerdings genug Stellen, an denen auf die Schlechtheit und Bosheit Sodoms hingewiesen wird. Sehr zu empfehlen ist da die Schimpftirade des Propheten Ezechiel. Dort zieht er über die Stadt Jerusalem her und wirft ihr unter anderem vor, schlimmer zu sein als Sodom und Samaria zusammen (Ezechiel 16, 44-52). Eine meine liebsten Anschuldigungen gegen Jerusalem findet man übrigens in der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Ezechiel 23, 20! Nun denn, Jerusalem ist längst als heilige Stadt in die Geschichte eingegangen, und der barmherzige Samariter ist auch sprichwörtlich. Nur Sodom ist irgendwie auf der Strecke geblieben.

Genausowenig wie bei Sodom bekannt ist, was dort alles geschehen ist, ist nicht genau bekannt, was denn nun unter dem Begriff der Sodomie zu fassen ist. In Deutschland versteht man darunter den Sex mit Tieren, in Großbritannien zusätzlich die Homosexualität. Andere Länder fassen unter Sodomie alle "widernatürliche Unzucht", ohne letztere näher zu bezeichnen.

Das große vollständige Universallexikon des Heinrich Zedlers, erschienen in der 1740er Jahren, beschreibt Sodomie als "jeden unnatürlichen Gebrauch der Zeugungsglieder, es sei mit Mensch oder Tier [...] und die geile Absicht, die man dabei hat". Er unterscheidet die "Sodomiterey" in drei Teile: 1) mit sich selber, 2) mit Menschen, 3) mit Vieh.

Der erste Teil umfaßt die Masturbation und ist, da er selten bei den Behörden angezeigt wird, auch nicht weiter strafrechtlich auffällig.

Der zweite Teil, die Sodomie mit Menschen, umfaßt alle Arten von Geschlechtsverkehr, die nicht zur Zeugung von Kindern dienen. Also z.B. Analverkehr oder Oralverkehr. Dabei ist es unerheblich, ob der Sex mit Männern, Frauen (sogar der Ehefrau) oder Kindern stattfindet.

Der dritte Teil, der Verkehr mit Tieren, wird sogar als noch schlimmer angesehen, als die Sodomie mit Menschen, da hier mit einer anderen Gattung verkehrt wird.

Laut Zedler zählen einige Leute sogar den Geschlechtsverkehr zwischen Personen verschiedenen Glaubens zur Sodomie, namentlich den Verkehr von Christen mit Türken oder Juden.

Beim Begriff Sodomie sieht man also deutlich, daß wenn viele Leute sich viele Gedanken machen, viel Müll dabei herauskommt. Was sich wirklich aus der Bibel über Sodom ableiten läßt, ist schwammig und recht mager.

Ähnlich ist es mit der Homosexualität und dem Begriff "schwul". Es gibt immer noch Leute, denen bei Schwulen sofort einfällt, daß die alle Frauenkleider tragen und sich an kleine Jungs ranmachen, mit Fistelstimme sprechen und den kleinen Finger abspreizen. Daß das nicht so ist, erfährt man erst, wenn man Schwule kennenlernt.

Darum ist der Name SODOM eigentlich ein passendes Symbol für eine Schwulengruppe, da das Wissen, das man über Sodom und Schwule zu haben glaubt, bei näherem Hinsehen oft den Weg aller Gerüchteküche gehen muß.

In dem Sinne: laßt euch nicht abschrecken, sondern probiert es einfach aus!

[unveränderter Nachdruck aus "SODOM : Informationen für Erstsemester", WiSe 98/99, S. 11 - 12]