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Das PLAYGIRL oder

Nennt man das jetzt Emanzipation?

von Oliver Geppert

Das PLAYGIRL. Welche Schwule hat noch nie davon gehört? Liegt die Hemmschwelle beim Kauf doch deutlich tiefer, als bei richtigen Schwulenmagazinen. So kann man, wenn man sich beim Kauf ertappt fühlt, immer mal schnell eine virtuelle Freundin vorschieben, die sich selber ja nicht traut, das Heft zu kaufen.

Auch der preisliche Vorteil ist nicht zu übersehen: Das PLAYGIRL bietet für DM 7,80 mehr nackten Mann, als manches schwule Life-Style-Magazin. Wer möchte dafür nicht darüber hinwegsehen, daß sich das PLAYGIRL selber als Frauenzeitschrift sieht? Ein kleiner Preis für eine große Auswahl Mann.

Als das angeblich meistgekaufte Schwulenmagazin wunderte es einen auch nicht, daß die Werbung im Heft durch schwule Telefonsexanzeigen bestritten wurde und das zu fast 100 Prozent. Den Artikeln im Heft habe ich nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da ich das "Frauengeplänkel" doch weit weniger interessant fand als die Bilder! Bis - ja, bis sich eines denkwürdigen Tages etwas änderte ...

Mit der Ausgabe 4/95 kamen sie: die Frauen. Evelyne Hilse und Sonja Klett übernahmen die Chefredaktion des PLAYGIRL. Wenn man dann in den Impressen älterer Ausgaben blätterte, stellte man mit leichtem Erstaunen fest, daß Chefredakteur und Artdirector bis dahin zwei Männer gewesen sind! Mir zumindest war das vorher nie aufgefallen.

Die beiden Damen wollten natürlich einiges ändern und fingen gleich beim Titel an. Was vorher das "freche Frauenmagazin" war, war jetzt das "erotische Frauenmagazin". Kompetenz, so meinten sie, zogen sie aus ihrem Job als Inhaberinnen des "ersten Frauen-Erotik-shops in Deutschland".

"Wir wissen, wovon Frauen träumen. Wir wissen, was Frauen erregt. Wir wissen, welche Männer Frauen gerne sehen. Und davon gibt es ja im PLAYGIRL genug - und alle nackt ..."

Die schwulen Telefonsexanzeigen wanderten als Werbeblock an das Ende des Magazins, so daß man sich die Werbung nicht mehr langwierig im Heft zusammensuchen mußte. Außerdem lassen sich zehn Seiten am Stück einfach besser überblättern.

"90 Seiten nackte Männerhaut" diente auf der Titelseite als Blickfang - das ist wie bei den Zentimetern: die Hälfte ist meist gelogen ...

Der nächste Umbruch geschah mit der Ausgabe 6/95. Der schwule Block war verschwunden, neue Werbewillige noch nicht in ausreichender Zahl gefunden. Diese Ausgabe hat auf 92 Seiten nur sechs Seiten Werbung, ein Minimum, das eimalig in der Geschichte des PLAYGIRLs ist. Biedere Anzeigen waren es. Ob nun für die persönliche Visitenkarte mit neuer Postleitzahl oder die Ranger-Weste aus den USA - keine Sex-Anzeigen mehr.

In dieser Ausgabe trat noch eine weitere Frau auf den Plan. Nicole. Nicole übernahm die persönliche Beantwortung der Leserbriefe und wurde mit folgendem blumigen Prolog auf die Leserwelt losgelassen:

"Für den aktuellen PLAYGIRL-Leserinnen Service haben wir einen ganz besonderen Fax-Dienst eingerichtet: Ihre persönlichen Fragen und Probleme werden von einer Frau beantwortet, die die Männer kennt wie keine andere. Nicole hat die ganze Welt bereist und die Männer gezwungen, ihr zu Füßen zu liegen - einfach durch ihren Sexappeal und die außergewöhnlichen Techniken, mit denen sie sie beglückt hat. Sie kennt keine Tabus, wenn sie scharf auf einen Mann ist. Ihr Sexlife ist spontan, und sie hat alles erlebt, was man nur erleben kann. Das hat sie jung und geil erhalten."

Schon in der darauf folgenden Ausgabe war er wieder da, der Werbeblock. So vertraut und doch so anders. So scheint jetzt auch das PLAYGIRL in das Telefonsexgewerbe eingestiegen zu sein. Wenn man keinen nicht-schwulen Werber findet, muß man halt selbst die Initiative ergreifen. Also hat man Männer aus älteren PLAYGIRL-Ausgaben noch einmal aufgefrischt und mit Telefonnummern versehen - nur für Frauen versteht sich!

Wenn man sein eigener Werbeträger ist, dann boomt das Geschäft und man freut sich, das Angebot erweitern zu können. So wurden aus den "90 Seiten nackter Mann" sehr schnell 98 und sogar 100 Seiten. Daß eigentlich nur die Werbung mehr geworden war, schien keine der Damen näher zu stören. Aber zumindest besaß man jetzt den Anstand, die Werbung besser im Heft zu verteilen, damit es nicht ganz so aufällt ...

Ausgabe 1/96. Es sind wieder die althergebrachten 92 Seiten. Es hat sich also wieder was geändert. Was genau, das verrät uns das Editorial:

"Weihnachten, das Fest der Freude, steht bevor. Wir von PLAYGIRL freuen uns auch: Wir haben eine neue Herausgeberin, Nicole Grunwald. Ihnen, liebe Leser, ist sie von unserer beliebten Ratgeberseite her bekannt. Nicole wird frischen Wind in das Heft bringen, und dafür hat sie schon genügend Ideen: Erotische Interviews mit prominenten Männern etwa, Themen wie "Hörigkeit" und eine neue Serie "Frauen bekennen", in der unsere Leserinnen ihre geheimsten Fantasien, aber auch intime Geständnisse veröffentlichen können. Wir wünschen Nicole viel Erfolg und Ihnen, liebe Leser - viel Spaß mit den neuen Heft."

Für viel Spaß sorgen sollte dann wohl auch die auf den doppelten Umfang angewachsene Ratgeberseite Nicoles. Zumindest habe ich mich nach anfänglichem unglaübigen Erstaunen doch köstlich amüsiert. Das Niveau der ausgewählten Leserinnenbriefe paßte sich dem Vokabular der beantwortenden Dame an, sank also in bodenlose Tiefen. Dafür posierte Nicole jetzt als 20 Zentimeter hohes Farbbild am rechten Rand der Doppelseite in Ramses-Pose: leicht getrocknet und mit verzerrtem Gesicht. Sie probierte wohl einfach nur, lasziv auszusehen, sorgt aber bis heute dafür, daß ich froh bin, schwul zu sein!

Das es in Ausgabe 3/96 endlich so weit war, daß ein Artikel über eine "Männertrainerin" abgedruckt wurde, kann keinen mehr verwundern. Zwei der Leserbriefe möchte ich an dieser Stelle aber ungekürzt mit Antwort von Nicole widergeben. Es lohnt sich!

Helma L. aus Hamburg:

"Liebe Nicole, ich habe ein ganz schlichtes Problem: Ich traue mich nicht, das PLAYGIRL einfach zu kaufen. Meistens bringt es mir eine Kollegin mit, der ich fürs Besorgen zehn Mark gebe. Die war aber letztes Mal im Urlaub, also mußte ich es klopfenden Herzens selber kaufen. Ich verpackte es zwischen ein paar Fernsehzeitschriften und legte den Stapel beim Supermarkt an die Kasse. In diesem Moment wechselte die Kassiererin - für das nette, junge Mädchen setzte sich ein fescher junger Mann hin. Als er das Heft in der Hand hatte, schaute er mich groß an, lächelte und fragte: "Haben Sie das nötig:" Ich errötete und stotterte irgendwas. Aber am liebsten hätte ich ihn kennengelernt, aber ich trau mich sowas einfach nicht. Haben Sie nicht einen Tip für mich?"

Liebe Helma, Daß eine Hamburgerin so verklemmt ist, kann ich mir nicht vorstellen. Du mußt ja eine richtige Haushaltsbüchse sein, spießig, verklemmt und trotzdem geil auf das PLAYGIRL mit unseren tollen Männern. Du traust Dich dies nicht und das nicht. Dein Problem ist so harmlos, daß ich glaube, Du verwechselst mich mit einer Kummertante aus der Regenbogenpresse. Ich bin also die falsche Adresse, denn ich möchte nur scharfe Sexprobleme in meiner Kolumne behandeln.
Gruß Nicole

Otto St. aus Klagenfurt:

"Liebe Frau Sexberaterin, was Sie hier so alles ablassen, ist doch wirklich zu 100 Prozent gequirlte S...... Es hört sich für mich so an, als ob Sie die Fragen auch gleich selber schreiben. Mein Gott, haben Sie denn jemals Masters & Johnson oder Bornemann gelesen? Können Sie überhaupt lesen? Oder nur durch irgendwelche "Promibetten" kriechen? Mal ernsthaft gefragt!"

Lieber Otto, Bei Dir scheint es sich um eine verklemmte Tunte zu handeln, die auf alle tollen und erfolgreichen Frauen eifersüchtig ist. Wahrscheinlich bist Du fett und hast nicht nur nichts im Kopf, sondern auch nichts auf demselben und schielst heimlich den tollen Heteros hinterher, die Du eh nie ins Bet bekommst. Aber ich kriege sie alle - das nur zu Deiner Information! Ich kann lesen, aber ich bumse ab und zu mal mit einem Otto Normalverbraucher, aber niemals mit einer verklemmten Tunte.
Gruß Nicole

Die eine Leserin als "richtige Haushaltsbüchse" und den guten Otto eine "verklemmte Tunte" zu schimpfen, sprengt meines Erachtens den Rahmen des Erträglichen doch um ein Vielfaches! Die Antwort auf den ersten Leserbrief ist eine Beleidigung der armen Helma aus Hamburg. Die Antwort auf den zweiten Leserbrief ist einfach schwulenfeindlich! Den Brief von Otto aus Klagenfurt finde ich durchaus berechtigt, habe ich mir selbst doch oft die Frage gestellt, ob das PLAYGIRL nun eigentlich frauenfeindlich ist. Die sogenannte "Antwort" der Nicole hat mit den Vorwürfen absolut nichts mehr zu tun. Ok, sie klärt uns darüber auf, daß sie lesen kann, aber den Kausalzusammenhang zwischen lesen können und trotzdem mit normalen Leuten bumsen habe ich nicht ganz verstanden!

Ich war schon drauf und dran, das Magazin nicht mehr zu kaufen. Aus Gewohnheit habe ich es dann aber doch getan: Und siehe ... auch diesmal hat sich wieder was geändert! Die Frauen sind komplett verschwunden, die Herausgeberin tritt nicht mehr in Erscheinung. Die alte Männer-Redaktion ist wieder da und zum ersten Mal tragen zwei der nackten Männer rechts einen Ohrring. Die den Bildern beigeschriebenen Texten sprechen zwar in den meisten Fällen von einer Frau als Objekt der Begierde, aber ... es hat sich ja schon einmal ein PLAYGIRL-Centerfold als schwul geoutet!

Die Leserbriefe werden jetzt nicht mehr von Nicole betreut, und das Heft zeigt in seinem Layout auch keine amazonenhafte Emanzipiertheit mehr. Die Auswahl an Männern war in der Ausgabe 4/96 auch besser, als in denen davor.

Männer in der Redaktion sind halt doch anders ...

[erschienen im "SODOM Semesterprogramm", SoSe 96, S. 8 - 10]