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Geld ist nicht wichtig, aber schön muß er sein ...

von Oliver Geppert

Wer heutzutage "Tunten und Szenetypen zwecklos" in den Text seiner Kontaktanzeige schreibt, kann sicher sein, daß er mehr als einen Antwortbrief erhält! D. h. natürlich, sofern das entsprechende Magazin diese Anzeige überhaupt noch abdruckt.

Denn auch einschlägige Zeitschriften mußten feststellen, daß solche Anzeigen eine Schwemme an Leserbriefen nach sich ziehen können, von Leuten, die sich die Jagd nach der Minderheiten-in-der-Minderheit-Diskriminierung zur Aufgabe gemacht haben.

Derartige Briefe entbehren manchmal nicht einer, vom Autor, pardon: der Autorin wohl nicht beabsichtigten Komik. Wenn eine Dame sich schriftlich darüber ausläßt, wie persönlich getroffen sie sich durch "bitte keine Tunten" fühlt, dicht gefolgt von dem Hinweis, daß es ohne Tunten gar keine Schwulenemanzipation gegeben hätte, so kann ich mir manchmal ein Stöhnen nicht verkneifen. Das, was die Tunten "damals" errungen haben, steht außer Frage, aber warum vererbt sich das auf die Tunten von heute? Weder trage ich Frauenkleider, noch zwänge ich mich in Stöckel; trotzdem trage auch ich heute meinen Teil zur schwulen Emanzipation bei.

Wer jetzt denkt, daß ich Sätze wie "Dicke und Ledertrinen können sich das Porto sparen" o. k. finde, der befindet sich auf dem falschen Ufer. Ausgrenzung ist in keiner ihrer Auswucherungen zu tolerieren. Weder in den oben genannten Textpassagen noch durch "Brillenträger sind draußen anzuketten"-Schilder an Kneipentüren!

Wie sieht sie also aus, die Kontaktanzeige der Zukunft? Wahrscheinlich wird sie nur noch aus der Chiffre bestehen. Die ist dann zwar schön glatt und klinisch, und es wird auch nichts mehr ausgegrenzt. Dummerweise aber wird durch das Fehlen sämtlicher Möglichkeiten zur Differenzierung das Spannungsmoment ins Unerträgliche gesteigert.

Da zuviel Spannung leicht in Langeweile umschlägt, sollte man es dem Anzeigenschreiber zugestehen, sich selbst ein bißchen auszugrenzen, sprich, sich zu beschreiben. So kann nun jeder selber entscheiden, ob das Angebot seinem Geschmack zusagt und eines Gegenangebotes für würdig erachtet wird.

Welch Glück nun für den Annoncierenden, hat er doch die freie Auswahl aus einer Vielzahl von Antwortschreiben, womöglich mit richtigen Bildern. Da aber nunmal nicht jeder jedermanns Geschmack ist, wird ein Teil des Postberges abschlägig beurteilt werden - das kann leicht an der Portokasse zehren! Die ganzen Bewerber, die kurz abgelehnt, die Bilder, die zurückgeschickt und die Deutsche Bundespost, die ausreichend frankiert werden möchte, tun ihr Übriges, an den Nerven zu zerren.

Nein, das wird sich wohl nicht durchsetzen. Das Individuum zeigt da doch einen nicht auszumerzenden Hang zur Kür, sprich Wahl des Partners aus freiem Willen und nicht de deo gratia!

Vielleicht sollte man sich dazu durchringen, die Prinzipien von "Suche" und "Biete", die auf dem Gebrauchtwagenmarkt Gültigkeit haben, auf die Welt der schwulen Kontaktsuche fortzuführen: dort schreibt ja auch keiner, daß er ein Auto sucht, irgendeins, das zu ihm paßt. (Farbe Rot zwecklos!) Nein, man schreibt gezielt und brav seine ungefähre Vorstellung vom Traumauto auf und wartet dann auf Resonanz. Im "Biete"-Teil ähnlich: die Beschreibung sollte schon genauer sein als "Rotes Auto, vier Räder, kostengünstig abzugeben".

Also bitte nicht "Ich suche jemanden, weder Opi noch Teenager, der es mir, im besten Alter und mittelschwer, im Bett so macht, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe (Frauen zwecklos!)" sondern "Oliver (25/190/87) sucht anderen Mann, um die 25 J., der ihm den Rücken massieren möchte".

"Sympathie entscheidend" und "bei gegenseitigem Gefallen" sind immer Voraussetzung und brauchen dementsprechend nicht mehr extra erwähnt zu werden.

Halten wir uns also an das Wort von Konfuzius, der da sagte: "Wenn du gefragt wirst, was du jetzt essen möchtest, dann antworte mit dem, was du jetzt essen möchtest." Denn: de gustibus non disputandum - Liebe geht durch den Magen!

(Antworten auf die Kontaktanzeige unter Chiffre 000001/97 an SODOM, c/o AStA Uni Dortmund, 44221 Dortmund)

[erschienen in "SODOM : Erstsemester- und Programminfo", WiSe 1999/2000, S. 11]