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Das erste Mal

von Tobias Arnst

Das erste Mal geoutet 1 1/2 Jahre ist es her, daß ich mich zum ersten Mal geoutet habe. Es war eine schwere Geburt: Ich hatte mir einen Kollegen auf der Arbeit ausgesucht, von dem ich wußte, daß er schwul ist. In der Pause sind wir dann in eine Imbiß Bude gefahren, wo ich dann losgelegt habe. Rumgestottert habe ich und rot geworden bin ich glaube ich auch, bis es dann endlich raus war. Und was hat mein Kollege gemacht? Er hat gelacht und mir gesagt, daß er sich das gleich gedacht hatte, Einen Satz, den ich noch oft hören sollte. Aber ich war irgendwie erleichtert, als es endlich raus war. Das erste Mal eben...

Das erste Mal in die Szene. Der Kollege, bei dem ich mich geoutet hatte, hat mir ein Paar Tage später vorgeschlagen, mich mal mit in die Szene zu nehmen. Ich habe natürlich zugesagt. Am nächsten Freitag waren wir dann in Dortmund unterwegs. Innerhalb weniger Stunden haben wir nahezu alle Läden abgeklappert die es so gab: Blu, Blue Magic, Sidi, Don Club und Burgtor Club... Die Schnelligkeit, mit der wir alle Läden durch hatten, sollte die Entwicklung wiederspiegeln, die ich durchmachen sollte. Aber richtig gefallen hat es mir nicht. Das erste Mal eben...

Das erste Mal zu Sodom gegangen. Eigentlich kannte ich Oliver ja schon länger vom Busy Beaver, der Fachschafts-Zeitung Informatik, aber zu Sodom habe ich mich erst einige Wochen nach meinem Outing getraut. Irgendwie war ich total aufgeregt und das, obwohl ich schon jemanden kannte. Es war eigentlich gar nicht so schlimm, viele nette neue und vor allem schwule Leute. Unter anderem auch M.E., der von nun an mein (be)ständiger Begleiter im schwulen und auch sonstigen Leben werden sollte. Obwohl oder vielleicht gerade weil an diesem ersten Abend nichts besonderes bei Sodom anlag, hat es mir sehr gut gefallen und ich war froh, hingegangen zu sein. Zum ersten Mal eben...

Das erste mal verliebt. Es sollten nocheinmal ein paar Monate vergehen, bis ich mich das erste Mal richtig verlieben sollte. Objekt der Begierde war der beste Freund meines Mitbewohners. Angefangen hat es damit, daß ich nur noch an den Angebeteten denken konnte. Dies aber mit einer Intensität, daß sich auch die bekannten Schmetterlinge im Bauch einstellten. Irgendwann habe ich mich, nicht fähig, meine (noch neuen) Gefühle auszusprechen, dazu entschlossen, ihm einen Brief zu schreiben. Die heiß ersehnte Antwort blieb jedoch aus und es hieß sich in Geduld zu üben. Als ich dann endlich nach wochenlangem Warten eine Antwort erhielt, fiel diese nicht so, wie gewünscht aus. Ich war am Boden zerstört. Und das kurz vor Weihnachten. Zu allem Überfluß stand auch noch die Silvesterfete in unserer WG ins Haus, zu der er natürlich auch kommen sollte. Ich fieberte dem Tag mit einem weinenden und mit einem lachendem Auge entgegen. Die Party wurde ein voller Erfolg: nach einem stundenlangem Gespräch im Treppenhaus, bahnte sich eine erste zaghafte Nähe an. Die blöden Bemerkungen diverser Partygäste ignorierend schlummerten wir Arm in Arm selig dem neuen Jahr entgegen. Zum ersten Mal eben...

Das erste mal geküßt Drei Tage später dann war es soweit. Der Angebetete sollte ein ganzes Wochenende in Dortmund verbringen. Mein Gott war ich aufgeregt. Wir hatten beschlossen, zunächst erstmal etwas zu kochen. Während des Einkaufens lief ich mehrheitlich paralysiert hinter ihm her. Nach dem Essen, eigentlich habe ich keinen Bissen herunterbekommen, sind wir dann wieder auf mein Zimmer gegangen. Die Spannung stieg und irgendwie habe ich kein vernünftiges Wort herausbekommen, hatte Herzklopfen ohne Ende und wußte nicht, wie ich es anfangen sollte. Irgendwann zog er mich dann an sich und meinte "Na komm schon her ..." Und dann haben wir uns geküßt. Es war einfach nur geil, schmeckte einfach himmlisch und ich bekam ganz weiche Knie (dafür wurde etwas anderes hart ;-). Zum ersten Mal eben...

Das erste Mal in der (hetero) Öffentlichkeit Händchenhalten Einige Wochen später, wir waren wieder mal zusammen in Dortmund, sind wir im Rombergpark spazieren gegangen. Wie frisch Verliebte das nun mal so tun, gingen wir Hand in Hand. Natürlich haben wir da nicht nur freundliche Blicke geerntet. Viele Leute schauten erst uns an, dann auf unsere Hände und dann wieder entsetzt auf uns. Diese Leute haben wir einfach ignoriert. Andere fanden dieses Schauspiel scheinbar so interessant, daß sie ihre Blicke gar nicht mehr abwenden konnten. Einem Hetenpärchen, daß besonders hartnäckig starrte haben wir dann, wie auf Kommando, zugewunken. Die peinliche Berührtheit derselben entschädigte voll und ganz fürs angeglotzt werden und schön war es auf jeden Fall. Zum ersten Mal eben...

Das erste Mal Liebeskummer. Wie so oft hielt diese erste Beziehung leider nicht allzu lange. Nach drei Monaten kündigte sich das Ende an. Begonnen hatte es damit, das er sich am Telefon schon sehr komisch anhörte. Am nächsten Tag sollte ein Treffen in einem Café stattfinden. Ein denkbar ungünstiger Ort, um Schluß zu machen. Er erschien zunächst eine halbe Stunde zu spät. Die schlimmsten 30 Minuten meines Lebens. Zunächst wollte er "nur" eine Beziehungspause. Etwas was ich nicht akzeptieren wollte, folglich haben wir Schluß gemacht. Ich war vollkommen fertig. Und das alles unter den wachsamen Augen diverser alter Omas und Opas, die sich erfahrungsgemäß in solchen Cafés immer aufhalten. Nachdem ich dann nach Hause zu meinen Eltern geschlichen war, fiel denen natürlich nichts besseres ein, als mich zu nerven. Nachdem ich meine Sachen zusammengerafft hatte, bin ich dann zurück nach Dortmund geflohen, um mich bei M.E. auszuheulen. Zum ersten Mal eben...

[erschienen in "SODOM : Informationen für Erstsemester", SoSe 1999, S. 7 - 8 ]