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Schwule - oder die Mißgunst der Computer

von Oliver Geppert

Computer machen das Leben ja so einfach! Außerdem sind Schwule technisch begabt und können mit allen Errungenschaften der Technik, so neu und ausgefeilt sie auch sein mögen, umgehen. Sieht man das nicht besonders gut daran, mit welcher Eleganz und Geschicklichkeit der normale Schwule in der Lage ist, graziel sein Handy aus der Tasche zu ziehen und es gegen unterlegene Opfer zu richten?

Genauso elegant gehen sie mit Laptops, Notebooks, Powerbooks und dem heimischen PC um, verschicken elektronische Post in die Weiten der Welt und lassen es sich nicht nehmen, ein Minderwertigkeitsgefühl in der Richtung zu entwickeln, daß sie ja nur eine Standardausstattung besitzen.

Aber gerade dieses "ich bin Standard"-Denken ist es, was andere, vernünftige Leute (so wie mich) in den Wahnsinn treiben kann! Gängiges Vorurteil ist zum Beispiel, daß jeder mit Mickysoft-Produkten arbeitet, jeder mit einem leistungs- und grafikfähigen Rechner gesegnet ist und große Datenmengen über seine Telefonleitung problemlos verkraftet.

Selten ist so sehr mit Kanonen auf Spatzen geschossen worden, wie seit der Zeit, als der Normalsterbliche den Computer für sich entdeckt hat.

Aber sicher doch, man hat es ja nicht böse gemacht. Warum macht man es aber immer wieder? Warum bekommt man von Leuten, die eigentlich genau wissen, in welchen Formaten man Daten lesen kann, mit konstanter Gehässigkeit das falsche?

Versucht man, nur zum Beispiel, zur erheiternden Illustration sozusagen, ein Erstsemster- und Programminfo zu schreiben, und bittet dazu um Artikel, dann muß man ausdrücklich dazusagen, daß man die Artikel entweder als ASCII oder auch als RTF haben möchte. Sonst bekommt man die Sachen im Word 97-Format. Nicht, daß die Möglichkeiten dieses Formats durch den Text, den er zum Inhalt hat, irgendwie ausgereizt oder auch nur annähernd sinnvoll angewandt worden wären - was im Übrigen für ein Heft, daß ein eigenes Layout hat, tödlich ist! - nein, das DOC enthält eigentlich ganz normalen 7-Bit ASCII-Text, der durch Word völlig unleserlich gemacht wurde.

Glücklicherweise hat aber die Redaktion dieser Ausgabe auf den Umstand hingewiesen, daß man mit Word nichts anzufangen gewillt ist und den Text als RTF bekommen - zusätzlich zum DOC. Ich will mich nicht beschweren, da das DOC sich zum RTF verhält, wie Ballast- zu Nährstoffen. Mit dem Unterschied, daß Ballaststoffe für eine gesunde Ernährung notwendig sind, DOCs aber einfach nur Platz wegnehmen.

Warum beschwere ich mich denn augenscheinlich doch, wo ich doch mit dem RTF zufrieden sein müßte? Offensichtlich habe ich nicht mit der heimtückischen Naivität der schwulen Computeranwender gerechnet. Denn Text ist Text - aber Grafik ...

Grafiken wird er ja wohl lesen und anzeigen lassen können, mögen sie sich gedacht haben. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, machen wir den Text zum Bild, da freut er sich! Und wie ich mich gefreut habe! Könnt ihr euch vorstellen, wie meine Gesichtszüge rangiert und in neue Endstationen geglitten sind, als ich feststellte, daß ich mit PPT und CDR-Sachen bedacht wurde?

Durch wahlloses Raten bin ich zu der Vermutung gelangt, daß es sich um Powerpoint-Folienpräsentationen sowie ein corel-draw-eigenes Datenformat handeln müsse. Ein nochmaliges ungläubiges Durchsuchen des Datenträgers stellte dann immerhin noch klar, daß sich von einem der Corel-Bilder noch eine TIF-Version darauf befand. Ich war also gerettet, wie ich bis zu dem Versuch, daß TIF zu lesen dachte. Denn dieser wurde mit der Meldung "Old-style JPEG compression support is not available" abgebrochen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mit jemanden zu suchen, der in der Lage ist, diese beiden Formate lesen und in etwas anders umwandeln zu können. Wo aber jemanden suchen? Zumal die Person, von der ich die Dateien habe, im Begleitbrief schrieb, bis zehn Tage nach Redaktionsschluß in Urlaub und auch nicht erreichbar zu sein? Firmen! Von Firmen bekommt man auch häufig Werbung in diesen Formaten, also müßte mir jemand helfen, können, der bei einer Firma arbeitet. Habe auch jemanden gefunden. Dieser jemand hat dann in seiner Firma jemanden gefunden, der Powerpoint benutzt. Und jemand anderen, der Corel Draw benutzt. Beim zweiten Versuch sind meine Attachments richtig angekommen und konnten erfolgreich in ganz normale GIFs umgewandelt werden. Nur noch als Attachments zusammenpacken und zurück an die Redaktion.

Klappte natürlich im ersten Anlauf nicht. Klappte auch im zweiten Anlauf nicht. Klappte eigentlich gar nicht. Die Dateien waren auf einmal fest zusammengeschweißt und weigerten sich standhaft, sich wieder in Einzelteile aufzulösen. Blieb also nichts anderes übrig, als einen Treffpunkt auszumachen und dort eine Diskettenübergabe mit einer kleinen Feierstunde zu begehen.

Als Ergebnis dieses ganzen Heckmecks habe ich mich entschlossen, für Schwule und andere Interessierte ein wenig über Dateitypen und deren Anwendung, Grafik oder Text, zu plaudern, um vielleicht doch noch den ein oder anderen davon zu überzeugen, daß mit einem DOC noch lange nicht alles gut wird!

Die Veranstaltung findet am Donnerstag, dem 18. November, 18.00 Uhr, im Anschluß an LeCafé statt.

[erschienen in "SODOM : Informationen für Erstsemester", WiSe 1999/2000, S. 9 - 10 ]