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Das Schweigen im Walde

Sexualerziehung an deutschen Schulen

von Michael Weiner

Die schwule Foto-Love-Story ist immer noch nicht selbstverständlich in "dem" Jugendblatt. Sexualerziehung in den Schulen steckt immer noch in den Kinderschuhen. Nicht, daß da Themen wie Homosexualität einfach unter den Tisch fallen, nein, vielfach bleibt die Sexualkunde den Paukern insgesamt im Hals stecken. "Trotz geregelter Rahmenpläne schaffen die Lehrer oftmals nicht, uns beizubringen, was beizubringen wäre", äußert sich der 17jährige Peter, der selbst Probleme hat, mit seinem Schwulsein klarzukommen, "besonders die Homosexualität wird gerne ausgegrenzt."

Der Lateinlehrer Friedel Kreidt an der Bochumer Erich-Kästner-Gesamtschule hat immer ein offenes Ohr für seine "Schäfchen", denn er ist als beratender Lehrer für die Schülervertretung tätig. "Unter Schülern wird die Homosexualität sehr diskutiert, aber hauptsächlich diskriminierend", stellt er fest, "Beschimpfungen wie 'schwule Sau' sind an der Tagesordnung, aber ernsthaft Gespräche sind nahezu unmöglich." Das bestätigt Annemarie Stein, Biologielehrerin für die Sekundarstufen I und II: "Homosexualität wird eigentlich nur besprochen, wenn die Schüler selbst darauf kommen, das ist meistens in der 8. Klasse der Fall. In den Schulbüchern findet sich kaum etwas zur Homosexualität, und wenn, dann im Zusammenhang mit anderen abweichenden Formen von Sexualität." Ein Blick in das vielfach benutzte Buch "Biologie heute" (Schroedel-Verlag) für die 8. Jahrgangsstufe bestätigt das: Homosexualität findet sich dort in der Sparte zwischen den Stichwörtern Prostitution, Sado-Masochismus und Exhibitionismus.

"Es ist bescheuert, wenn Homosexualität in der 9. Klasse dann in Zusammenhang mit Aids behandelt wird", findet Gisela Rest-Hartjes, die katholische Religion und Englisch unterrichtet, "da ist das Thema dann mit Angst und Vorurteilen besetzt. Auch die Massenmedien sind daran schuld, weil Homosexualität kaum vorurteilsfrei Beachtung findet. Überhaupt ist wenig gute Literatur bekannt oder auch anderes Lehrmaterial wie etwa Filme." Beide Lehrerinnen bestätigen auch, daß es für Frauen einfacher ist, im Unterricht auf Homosexualität einzugehen. Für sie ist das Thema in der Öffentlichkeit nicht so belastet.

Auch die Schulbibliothek macht es sich mit progressiven Aufklärungsbüchern nicht leicht. Peter macht auf ein Problem aufmerksam: "Die Regale stehen direkt neben dem Platz der Bibliothekarin, so daß man nur unter ihrer Kontrolle in die Bücher gucken kann. Und", so fügt er an, "jüngere Schüler können sich gar nicht informieren, weil sie ihren eigenen Bereich haben, der sorgfältig von diesem hier abgetrennt ist."

Das Fortschrittlichste, was sich hier wiederfindet, ist mit Abstand "Das Aufklärungsbuch" von Schneider und Riegert. Homosexualität wird dort als gleichberechtigte Sexualform geschildert. Ferner sind die "Fragen zum Sex" von Reinert Hanswille recht annehmbar. Das sind jedoch bei den vorhandenen 15 Titeln (für knapp 1 500 Schüler) die Ausnahmen. "In einem Buch der 70er Jahre fand ich sogar die Information, daß Homosexualität heilbar sei. Da kommt man sich ja schon recht merkwürdig vor, wenn ich überlege, ob ich jetzt zu meinem Schwulsein stehen soll."

Wie sehen es nun die Schüler mit der Aufklärung über die Homosexualität? Sonja, 17, gibt bereitwillig Auskunft: "Klar gab es Sexualerziehung, im 5. Schuljahr über den Bau der Geschlechtsorgane, später dann im 8. oder 9. wurden auch schon mal Themen wie Geschlechtsumwandlung oder Aids angesprochen. Die Reaktionen der Mitschüler darauf waren meistens ziemlich mies. Besonders bei dem Thema der Geschlechtsumwandlung haben die Jungen die meiste Zeit gekichert und sich darüber lustig gemacht. Die Lehrerin konnte sich da dann nicht richtig durchsetzen. Über Homosexualität", so fügt sie hinzu, "wurde gar nicht aufgeklärt. Das gab dann auch Probleme, als sich mein Bruder als schwul präsentierte. Da konnte ich gar nicht richtig mit umgehen. Ich wußte ja nichts darüber. Als ich daraufhin das Thema im Religionsunterricht besprochen haben wollte, gab es eine kurze Diskussion, aber mehr nicht. Dem Lehrer war es peinlich, darüber zu sprechen, und die Jungen sind wieder mal nicht ernst geblieben."

Das konnten auch Michaela, 16, und André, 17, die beide auf der Erich-Kästner-Schule gegangen sind, bestätigen. "Die Lehrer haben es richtig hinausgezögert, Sexualkunde zu geben, weil es doch immer gleich abläuft: Die Jungen gackern rum und machen sich zum Beispiel über den Körperbau der Mädchen lustig, wenn darüber gesprochen wird." Beide fanden den Besuch bei der Beratungsstelle "Pro Familia" gut, der in der 9. Klasse durchgeführt wurde. "Hier konnte man ungestört stöbern, und es gab gute Informationen. Homosexualität wurde aber nur im Zusammenhang mit Aids besprochen." Die von der Deutschen Aids-Hilfe herausgegebene Broschüre "Verliebte Jungs" hat den beiden gut gefallen. Sie fanden, daß man sie ruhig schon im 7. Schuljahr verteilen sollte. "Je eher man damit konfrontiert wird, desto besser lernt man, damit umzugehen."

Diese Ergebnisse sind nicht neu; dennoch ist es noch nicht bis zur Lehrerschaft durchgedrungen, daß der Informationsbedarf vorhanden ist - auch über Homosexualität. Oft geben erst persönliche Erfahrungen Anlaß darüber zu sprechen - wie für Johannes Kammertöns, katholischer Religionslehrer an der Erich-Kästner-Schule, dessen Sohn schwul ist. Als er eine 5. Klasse neu bekam, stellte er sich den "Kennenlernfragen" der Schüler, und als sie auf seinen Sohn zu sprechen kamen, offenbarte er den verdutzten Pennälern, daß dieser schwul sei. Diese glaubten es nicht und fühlten sich veräppelt. Sie wurden eines Besseren belehrt, als Kammertöns sie bei einem Schulausflug einfach mal mit zu seinem Sohn nahm. Seitdem können die Schüler halbwegs offen über Homosexualität sprechen.

Alltag in deutschen Schulen ist das sicherlich nicht. Die Betroffenheit für Johannes Kammertöns ging dann schließlich so weit, daß er der Fachgruppe Religion vorgeschlagen hat, Homosexualität als eigenständiges Unterrichtsthema einzurichten. Diesem Wunsch konnte nicht entsprochen werden, so daß es weiterhin den betroffenen Lehrern selbst überlassen wird, wie sie damit umgehen. Kammertöns würde schwule Gruppen quasi als "Anschauungsmaterial" begrüßen. Die Schulleitung würde er dafür nicht extra um Genehmigung fragen, sondern selbst die pädagogische Verantwortung tragen. Das geht vielleicht noch in Nordrhein-Westfalen, aber in Bayern sieht das schon ganz anders aus.

Das bayerische Ministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst sieht die Einbeziehung schwuler Gruppen im Unterricht als nicht zu verwirklichen an. Der Schulleiter, der solche Veranstaltungen genehmigen müßte, hat Art. 27, Abs. 1 des "Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen" zu beachten. Dieser Gesetzestext sieht als vorrangiges Ziel der Sexualerziehung die Förderung von Ehe und Familie vor. Die Eltern müßten eine solche Sonderveranstaltung befürworten, was im arg schwarz-braunen bayerischen Sumpf wohl eher ins Reich der Phantasie gehört. Und die Position des Ministeriums sieht dazu so aus: Da "die Reifung eines jungen Menschen naturhaft zur Heterosexualität vorgezeichnet ist", so die Bayerische Bildungsvorgabestelle, "und im Hinblick auf die geringe Zahl von Schülern, bei denen sich eine unkorrigierbare homosexuelle Orientierung entwickelt, kann Homosexualität kein vordergründiges Thema des schulischen Unterrichts sein." Ähnlich sieht es auch in Rheinland-Pfalz aus, wo die Homosexualität vom Ministerium für Bildung und Kultur als abweichende Form der Sexualität gesehen und die Einbeziehung schwuler Gruppen in den Aufklärungsunterricht nicht befürwortet wird.

Ganz anders in Bremen und Brandenburg. Hier gehen die Ministerien fortschrittlich an das Thema heran, was nicht bedeutet, daß sich die Lehrer in diesen Bundesländern ebenso verhalten. Bremen beispielsweise gibt mit seinem "Leitfaden zur Sexualerziehung" den Lehrern eine Hilfe an die Hand, die sehr weit führt. Die Themenbereiche sind systematisch sortiert, und zu jedem einzelnen gibt es Hintergrundinformationen, Lernziel- und Literatur- bzw. Medienhinweise. Auch Adressen - wie etwa der "Come Out"-Jugendgruppe in Bremen - sind beigefügt. Brandenburgs Ex-Bildungsministerin Birthler sieht in der Schule "keinen Moral-TÜV, der bestimmte Formen des menschlichen Zusammenlebens ausschließlich für gut und 'sauber' , alle anderen für schlecht und 'schmutzig' erklärt." Sie ermutigt alle Lehrerinnen und Lehrer des Landes, das Thema Homosexualität offensiver anzugehen und auch schwule Gruppen mit einzubeziehen.

Die Ministerien geben sich den Anschein von Liberalität. Offizielle Stellungnahmen predigen zwar Toleranz und Verständigung, aber wenn es ums Detail geht - beispielsweise um die Produktion eines Aufklärungsfilmes oder die Gleichstellung von Hetero- und Homosex in Lehrbüchern -, kneifen sie. Und welche Ministerien wirklich etwas unternehmen, kann an den Fingern einer Hand abgezählt werden.

Erfahrungen im Bereich "Schwule Aufklärung vor Ort" kann das Aufklärungsprojekt vom Jugendnetzwerk Lambda e.V. aus Berlin vorweisen. Hier geht man seit knapp vier Jahren in den Aufklärungsunterricht der Schulen. In den letzten zwei Jahren erreichten die zehn ehrenamtlich tätigen Aufklärer pro Schuljahr rund 60 Klassen; hauptsächlich in den östlichen Stadtbezirken. Die Erfahrungen sehen ganz gut aus, seitdem sie auf Beschluß des Berliner Abgeordnetenhauses von 1992 mit offiziellem Okay zu ihren Aufklärungszügen losziehen.

Jeweils eine Lesbe und ein Schwuler besuchen dann den Unterricht, um erst allgemein in nach Geschlechtern getrennten Gruppen über Sexualität zu sprechen. Schließlich wird ausführlich auf Homosexualität eingegangen. Uwe vom Aufklärungsprojekt findet, daß es einfach wichtig ist, als Schwuler oder Lesbe präsent zu sein, den Schülern als mögliche Identifikationsfigur zu dienen.

Bisher läuft diese Aktion fast nur über Mundpropaganda. Um aber auch andere Schulen zu erreichen, werden Rundschreiben verschickt, die auf das Angebot aufmerksam machen. Finanziert wird das Ganze über einen Fonds "Gewaltprävention" von Jugendsenat in Berlin. Eine ABM-Stelle, die bis Sommer 1992 lief, ist bisher allerdings nicht wieder besetzt worden. Das größte Manko ist, daß Lehrerinnen und Lehrer mit der Thematik Homosexualität oftmals alleingelassen werden und im Sexualkundeunterricht nicht damit klarkommen. Es fehlt an Lehrmaterial, das es den Lehrenden einfacher macht, sich der noch immer stigmatisierten Homosexualität vorurteilsfrei und aufgeschlossen zu widmen. Die subjektive Betroffenheit sollte nicht der Anlaß sein, dieses Thema zu behandeln, sonder der Anspruch, halbwegs gebildete Schülerinnen und Schüler auf die Menschheit loszulassen. Und da kann es beispielsweise nicht angehen, daß Eltern in Bayern den Lehrern nach Gutdünken untersagen, einen Aufklärungsfilm über Homosexualität im Unterricht zu zeigen.

Auch wenn der allseits bekannte Dr. Sommer in letzter Zeit halbwegs ordentlich mit homosexuellen Fragen umgeht, wird es noch eine Weile dauern, bis schwule Foto-Love-Stories in einer Jugendzeitung den Leser in Bann ziehen. So liegt es an uns, unserer Jugend zu zeigen, wo es langgeht!

Dieser Artikel erschien zuerst in Heft 1/94 der szene-magnus. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 29 - 35]