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Männliches Selbstverständnis überdenken

Jungen- und Männerarbeit in der evangelischen Kirche

von Sven Söhnchen

Die im folgenden referierten Überlegungen entstammen einer Diskussion zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der "Evangelischen Schülerinnen- und Schülerarbeit in Westfalen" zur Planung einer Männertagung für Jungen und Männer ab 16 Jahren. Diese Tagung konnte nicht wie geplant stattfinden. Denn auf der vereinsüblichen Teamerbesprechung über neue Ideen für Tagungen wurde unser Vorschlag von seiten der "Frauenfraktion" abgelehnt, und wir wurden gebeten, ein Konzept zu erarbeiten, was sich nach den Leitlinien der emanzipatorischen Mädchenarbeit richtet.

Das Team hatte also ein knappes halbes Jahr Zeit, um ein Konzept zu erarbeiten, welches für die antisexistische Männer und Jungenarbeit gilt. Die entstandenen 1 1/2 Seiten waren eines der ersten Konzepte innerhalb der Evangelischen Kirche von Westfalen und wurden als Grundlage für weitere Erhebungen innerhalb der Kirche benutzt und sogar als Mithilfe oder Gedankenstütze dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) vorgelegt.

Als Grund für unsere Auseinandersetzung mit Jungen- und Männerarbeit sahen wir unsere Unzufriedenheit mit der Männeridentität, wie sie uns unsere Väter vorgelebt haben und wie sie in gesellschaftlich-kulturellen Strukturen immanent als Rollennormen vorhanden ist. Aus dieser Unzufriedenheit heraus, die wir als Verunsicherung und auch als Chance erlebten, wollten wir unser Rollenverständnis (auch wie es von anderen Männern, von Frauen und der Gesellschaft an uns herangetragen wurde) überdenken und weiterentwickeln. Damit wollten wir uns gegen die diskriminierende Einordnung von Jungen und Männern in Schubladen Chauvis, Softies uws. wenden, die an unserer Lebenswirklichkeit, unseren Konflikten und Bedürfnissen vorbeigeht.

Das Konzept wurde nicht nur für die mittlerweile abgesetzte Männertagung entwickelt, sondern auch für die Arbeit mit männlichen Jugendlichen auf Klassentagungen. Auf diesen Tagungen wird bei uns getrenntgeschlechtlich gearbeitet, so daß man jeweils die "Jungs" mit ihren eigenen Problemen, Meinungen, Sorgen usw. betreut und mit ihnen arbeitet. Die Probleme drehen sich natürlich in der entsprechenden Altersklasse der Pubertät fast immer um Sexualität.

Auf die Bedürfnisse der jungen Männer sind unsere Zielsetzungen konzipiert. Hierzu haben wir 10 Punkte erarbeitet, die die Arbeit deutlich und erklärbar machen sollen:

  1. Jungenarbeit geht in die Richtung eines emanzipierten männlichen Selbstverständnisses und einer von patriarchalischen Zwängen freien Identität (z.B. lernen, "ich" zu sagen). Diese Arbeit muß schichtspezifisch und auch multikulturell angelegt sein und setzt ein Akzeptieren der individuellen Lebensgeschichten der Beteiligten voraus.
  2. Langfristig zielt Jungenarbeit darauf ab, Jungen und jungen Männern auf einen Verzicht und Verlust an Macht und an Entscheidungsmonopolen zugunsten eines Zuwachses an sozialer Kompetenz, emotionaler Ausdrucksfähigkeit und kommunikativer Handlungsfähigkeit vorzubereiten.
  3. Die Fähigkeit, Gefühle und Verhaltensweisen in großer Bandbreite (von schwach bis stark, nicht nur da, wo es um Aggression und Sexualität geht) bei sich und anderen wahrzunehmen, zu lernen und zuzulassen, ist eine wichtige Voraussetzung zum Verständnis des Mannseins und zur selbstbestimmten Männeridentität.
  4. Jungenarbeit verdeutlicht zugleich, warum es sich lohnt, Stimmungen, Gefühle, Bedürfnisse nach Nähe zuzulassen, auch wenn es z.Z. nicht hoch im Kurs steht.
  5. Jungenarbeit bereitet Männer und Jungen darauf vor, mit dem Machtzuwachs der Frauen (z.B. im Beruf) und damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Veränderungen konstruktiv und selbstbewußt umzugehen und gegen trotzige Starre anzugehen (nicht zuletzt, damit die "Leerstellen" nicht einfach mit dem Vorbild der Väter gefüllt werden müssen).
  6. Jungenarbeit muß sich selbstkritisch mit immanenten Mechanismen zur Aufrechterhaltung patriarchalischer Strukturen (Sprücheklopferei usw.) und mit Abwehrmechanismen gegenüber den Forderungen der Frauenbewegung nach sozialer und politischer Emanzipation auseinandersetzen.
  7. Jungenarbeit schafft Sensibilität und Bewußtsein für die spezifische Jungenproblematik.
  8. Jungen und Männer müssen ihre Rollen bestimmen und dabei gesellschaftliche, politische, kulturelle und ökonomische Veränderungen bewirken, die ein partnerschaftliches Miteinander von Männern und Frauen ermöglichen.
  9. Jungenarbeit ist keine Kopie von Mädchenarbeit, auch wenn sie sich mit den Anforderungen feministischer Ziele auseinandersetzt.
  10. Jungenarbeit vermittelt mit neuen Lernorten und -situationen auch neue Erfahrungen.

Um diese Punkte in der Arbeit mit Leben zu füllen, hielten und halten wir es noch für sinnvoll, in der Tagungsarbeit folgende Themen zu bearbeiten:

Durch die Konstellation der Themenschwerpunkte sind Überschneidungen nicht auszuschließen. Deshalb sind die hier aufgelisteten Themenvorschläge nicht weiter präzisiert.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 14 - 17]