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"... daß ich damit ganz gut fahre"

Gespräch mit dem offen schwulen Lehrer Willi Schraer

interviewt von Edgar Raufeisen

Lebst Du offen schwul an Deiner Schule?

Mein Coming-Out in der Schule entwickelte sich; es war ein Prozeß über Jahre. Ich wollte nicht sofort als schwuler Lehrer auftreten, obwohl ich schon zu Beginn auf Kollegiumsfeten Freunde mitgebracht habe, was nirgendwo besonders negativ zur Kenntnis genommen wurde.

Hat man Dich im Kollegium damals darauf angesprochen?

Nein. Ich habe ihnen klar gemacht, daß es ein Freund ist, es war ja auch nicht der Freund oder Lebenspartner. Das haben sie dann einfach so akzeptiert.

Haben Deine Schüler danach gefragt?

Es kamen gelegentlich schon Fragen von Schülern, die versuchten nachzubohren, warum man nicht verheiratet ist. Sie fingen dann immer so klassisch an und fragten: Haben Sie Kinder, eine Frau oder Freundin? Und wenn man das alles verneint hat, kam sehr schnell: Haben Sie einen Freund? Und dann muß man entsprechend darauf antworten, so daß die Kinder nicht das Gefühl haben, man macht ihnen was vor. Seitdem ich eine Beziehung habe, kann ich durchaus sagen, daß ich einen Freund habe. Vorher habe ich wahrheitsgemäß gesagt, daß ich keinen habe. Wenn das einmal so angesprochen ist, wird auch nicht weiter nachgefragt.

Wirklich keine weiteren Nachfragen?

Nein. Man denkt ja immer, daß Probleme entstehen mit Eltern, oder man hat Angst davor, daß man Schüler nicht mehr im Griff haben könnte, wenn bekannt ist, daß man schwul ist. Ich muß sagen, ich habe diese Erfahrung überhaupt nicht gemacht. Ich denke, man ist in erster Linie Lehrer und das andere ist dann eigentlich uninteressant. Es kann natürlich sein, daß das an anderen Schulen anders ist, besonders an sehr autoritär strukturierten Schulen. An Berufsschulen zum Beispiel, an denen der Druck auf die Schüler sehr groß ist, und sie solche Gelegenheiten nutzen werden.

Gibt es, und wenn ja, wie siehst Du pubertäre Abgrenzungserscheinungen, wie zum Beispiel "Pack mich nicht an, ich bin doch nicht schwul!" oder: "Willi Schraer ist schwul!"?

Die gibt es gegenüber Lehrern gar nicht, wenn man entsprechend darauf reagieren kann. Ich denke auch, man darf sich von solchen Kleinigkeiten nicht verunsichern lassen. Wenn Schüler sich untereinander ansprechen mit "Du schwule Sau!" und so weiter, sind das Kampfausdrücke, die man auch nicht überbewerten sollte. Wir haben heute eine ganz andere Situation: Die Schüler sind über Homosexualität sehr viel aufgeklärter als früher, sei es z.B. durch die Medien und Sendungen wie "Lindenstraße" oder durch entsprechende Reportagen. Ich habe auch schon gesehen, daß Schüler, so elfte Klasse, händchenhaltend über den Flur gegangen sind. Aus meiner Klasse wurde auch schon mal ein Schüler angesprochen, ob er schwul sei, worauf er dann sofort mit der Gegenfrage reagierte, ob es denn die anderen stören würde. Insofern ist es heutzutage nicht mehr so ein Problem für die Schüler.

Wird das Thema Homosexualität an Deiner Schule thematisiert?

Das Thema Homosexualität kommt im Biologieunterricht und teilweise im Religionsunterricht vor. Ich selbst habe es auch schon unterrichtet im Bereich Sexualkunde. Die Schüler können heutzutage offener damit umgehen. Sie können auch Fragen stellen, was sie vor etlichen Jahren nicht wagten. Der Sexualkundeunterricht wird in der Regel in der sechsten Klasse durchgeführt. Es ist oft so, daß die Jungen die Mädchen vorschicken. Es wird natürlich auch schon gefragt, wie die Schwulen "Sex machen". Und dann eine geeignete Antwort zu finden, ist natürlich ein bißchen schwer. Es gibt dann meistens Lösungen aus der Situation heraus. Z.B. indem man die Frage zurück gibt und fragt: Wie könnt Ihr Euch denn das vorstellen?

Bringst Du Dich dann selber ein, indem Du von Dir erzählst?

Nein. Von mir erzähle ich nicht. Ich denke mir, das ist eine Sache innerhalb des Sexualkundeunterrichts, die man nicht machen sollte. Von den anderen Lehrern wird ja auch nicht erwartet, daß sie ihre Sexualität in den Unterricht einbringen.

Wie reagieren die Eltern?

Ich hatte da mal ein Erlebnis: Wir kamen von der Klassenfahrt zurück und am Dortmunder Hauptbahnhof an. Die Eltern standen da und warteten auf ihre Kinder. Aber auch mein Freund war da. Und ein Vater fragte, wer denn der gewisse Herr dort sei, und dann sagte eine andere Mutter: "Ja, das ist der Lebensgefährte von Herrn Schraer." Und dann guckte sich die ganze Bande erstmal um, und guckte Ralph an. Und damit war das dann auch gegessen. Nun wissen sie alle, wer das ist, und es kamen keine weiteren Nachfragen - weder positive noch negative. Aber ich denke schon, daß sie das so allgemein akzeptiert haben.

Und das Kollegium?

Die meisten wissen es, mein Chef auch. Es kamen aus dem Kollegium immer positive Rückmeldungen, und man merkt schon so ein gewisses positives Interesse bei vielen Kollegen. Das heißt, man wird auch zusammen eingeladen auf Feten. Es ist interessant, daß, seitdem die Kollegen es wissen, viele ankommen und Fragen stellen über Sexualkunde und Verhütung, weil die meisten auch wissen, daß ich in der AIDS-Hilfe mitgearbeitet habe. Auch Fragen über Schutz beim Geschlechtsverkehr, und wie man das denn dann in der Ehe fortführen sollte, wozu ich natürlich nicht soviel sagen kann.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit der GEW?

Es gab bundesweit sehr viele schwule Lehrergruppen - eine davon traf sich auch hier in Dortmund. Dies hat mir damals sehr geholfen, zu sehen wie andere damit umgehen. Man konnte aber auch Unterschiede je nach Schulform und Region erkennen.

Von der Gewerkschaft selbst gibt es keine Unterstützung. Das sollte man aber auch nicht erwarten. Man könnte erwarten, daß von den Betroffenen, den schwulen Lehrern und lesbischen Lehrerinnen, eher etwas gemacht wird. Soweit ich weiß, rennt man, wenn dort etwas gemacht wird, bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) offene Türen ein. Nur ist es momentan so, daß wir weder in NRW noch in den anderen Bundesländern eine funktionierende Lehrergruppe haben, ausgenommen vielleicht Berlin. In Berlin hat man Leute, die auch sehr aktiv sind. Hier in NRW ist es allein schon durch die räumlichen Distanzen sehr aufwendig, bis man sich mal trifft, um dann noch nebenbei irgendwelche Aktivitäten hervorzubringen. Andererseits glaube ich auch, daß für die meisten Lehrer die Probleme nicht so groß sind, daß man sich zusammensetzt, um das irgendwie in Aktivität umzumünzen. Ein Faktor ist, daß es heutzutage egal ist, ob man ein schwuler Lehrer ist, was früher, als sich die Gruppen gebildet haben, noch anders war. Früher waren die Gewerkschaften auch noch ein bißchen anders strukturiert in bezug auf die Einstellungen. Da hatten die selbst auch noch genügend aktive Leute. Und damals war es auch noch sehr schwer, Anzeigen für das schwule Lehrertreffen im Waldschlößchen in GEW-Zeitschriften unterzubringen. Mittlerweile ist das überhaupt kein Problem mehr.

Hast Du Wünsche für die Lehreraus- und fortbildung?

Ich glaube nicht, daß es viel bringen würde, wenn man Homosexualität institutionalisieren würde - durch Seminare und so. Viel wichtiger wäre es, den schwulen Lehrern, die es an jeder Schule gibt, zu ermöglichen, offen schwul leben zu können. Dann hat man eine viel bessere Möglichkeit, dies anderen Kollegen zu vermitteln, als wenn man es theoretisch über Seminare laufen ließe. Da geht keiner hin. Es gehen die versteckten Schwulen nicht hin, aus Angst, entdeckt zu werden. Die abderen haben sowieso kein Interesse, und dann sitzen da nur ein paar Frauen.

Offen schwul an der Schule: Dein Fazit?

Ich habe für mich gemerkt, daß mir das doch eine unheimliche Erleichterung bringt. Erstens kommen keine Verdächtigungen, keine merkwürdigen Andeutungen mehr. Es kommen keine unangenehmen Nachfragen mehr, wo ich für die Schüler etwas erdichten mußte. Ich kann für mich sagen, daß damit ganz gut fahre.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 35 - 39]