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Lernen, angstfrei und selbstbewußt zu werden

Die Arbeit mit schwulen Jugendlichen

von Jörg Hartel

Das Verständnis, die Arbeit mit schwulen Jugendlichen als Jugendarbeit zu begreifen, ist sicherlich innovativ, doch Jugendarbeit für Schwule setzt voraus, daß es überhaupt schwule Jugendliche gibt. In den letzten Jahren ist das durchschnittliche Alter zur Zeit des Coming-Outs, das Schwule durchleben, deutlich gesunken. Die Angebote der schwulen Subkultur, schwuler Organisationen und der kommerziellen Szene können nicht mehr greifen, weil sie sich in erster Linie an den Bedürfnissen Erwachsener orientieren; die Wünsche von Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren unterscheiden sich jedoch grundsätzlich von denen Erwachsener, auch ihre Motivation und die Formen ihres Engagements.

Bevor ich beginne, die Ziele, die unsere Arbeit mit schwulen Jugendlichen verfolgt, und die Mittel, die uns in diesem Zusammanhang zur Verfügung stehen, zu beschreiben, möchte ich kurz auf die besondere Lebenssituation schwuler Jugendlicher eingehen, für die es - trotz schwuler Emanzipation - weitestgehend keine Lobby gibt.

In dem Lebensabschnitt, in dem der Jugendliche nicht nur erste Anzeichen für sein eigenes Schwulsein registriert, sondern sich derer auch bewußt wird, lernt er, sich selbst zu akzeptieren, und versucht, mit ihnen angstfrei und selbstbewußt umzugehen. Diese Zeit ist in vielen Fällen durch einen mehr oder weniger starken Identitätskonflikt geprägt und meistens mit deutlichen psychischen Belastungen verbunden, da der Jugendliche sich mit der Diskrepanz zwischen der Bewußtwerdung, schwul zu sein, und der Klischeevorstellung, wie Schwule in der Gesellschaft wahrgenommen werden, auseinandersetzen muß. Das Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen, verursacht Konflikte im gewohnten sozialen und familiären Umfeld und fördert die Angst vor Isolation, denn gerade die Anerkennung der wohl wichtigsten Bezugspersonen, der Eltern, ist oftmals nicht sicher, Verdrängung oder Selbstverleugnung sind häufig die Folgeerscheinungen.

Im Rahmen der individuellen Bewältigungsstrategien steht die Möglichkeit der emanzipatorischen Arbeit, um den Jugendlichen den Isolationsdruck zu nehmen und ihnen die dringend benötigten Informationen zu beschaffen.

In dieser Phase ist der Kontakt und der Austausch mit Gleichaltrigen, die in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen ähnliche oder grundverschiedene Erfahrungen sammeln, sehr wichtig. Denn der Jugendliche muß nicht nur der aufgezwungenen Identifizierung mit der heterosexuellen Norm, der Stigmatisierung von Homosexuellen und der daraus resultierenden Anpassung an gängige Normalitätsvorstellungen als Reaktion auf die eben beschriebenen gesellschaftlichen Diskriminierungsformen entgegentreten, sondern auch sein eigenes Schwulsein als wichtigen Teil seiner Gesamtpersönlichkeit entdecken und versuchen, mit ihm umzugehen und es natürlich und angstfrei auszuleben.

Die Konzipierung der Arbeit mit schwulen Jugendlichen wird von folgenden Aspekten bestimmt: aktive Unterstützung bei der Selbstaktualisierung, Identitätsbildung und -bewahrung der Teilnehmer, Stärkung der Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln, Unterstützung bei der Bewältigung und Lösung von aus dem Coming-Out resultierenden Konflikten und Anregung zur Auseinandersetzung mit schwulen Lebensrealitäten und zur Formulierung eines eigenen Standpunktes.

Zur Förderung dieses Prozesses möchten die Antworten und Lösungsvorschläge dazu beitragen, daß die Jugendlichen in der Gruppe Akzeptanz, Anerkennung, Verantwortung und Herausforderung erfahren, die in der Subkultur geübten Verhaltensmuster durch intensive zwischenmenschliche Beziehungen durchbrechen, soziale Kontakte knüpfen, konkrete, altersspezifische Probleme besprechen, gemeinsame Aktionen planen und die Freizeit gemeinsam gestalten. Darüber hinaus sollen die Jugendlichen für die Bewältigung alters-, sozialisations- und entwicklungsbedingter individueller und kollektiver Krisensituationen sensibilitiert werden.

Gerade in einem Klima zunemhmender Ausländerfeindlichkeit, verstärkter Aggression und Ausgrenzung von Minderheiten, sind junge Schwule mit Diskriminierung und Ablehnung konfrontiert. Daher ist es für uns sehr wichtig, den fremdenfeindlichen, extremistischen und gewalttätigen Ausschreitungen vor allem junger Menschen entgegenzutreten.

Da die erstmalige Kontaktaufnahme mit einer schwulen Beratungsinitiative zuweilen die bedeutendste Hürde für Jugendliche ist, die sich zu der Entscheidung durchgerungen haben, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen, bietet der Telefonkontakt eine vorläufig unverbindliche und anonyme, also niedrigschwellige Möglichkeit, einen ersten Ansprechpartner zu finden. Für viele ist dies auch der erste bewußte oder unbewußte Schritt in ihrem Coming-Out, der nach außen gerichtet ist. Oftmals besteht dann erst ein längerer telefonischer Kontakt, bevor ein Jugendlicher den Mut faßt, aus der Anonymität herauszutreten. Bedeutet für einen neu hinzukommenden Jugendlichen im nächsten Schritt die unmittelbare Teilnahme an einem der Treffen einen zu abrupten Schritt, besteht das Angebot eines Vorabtreffens mit einem oder mehreren Teilnehmern, um einen ersten persönlichen Bezug herzustellen und Vertrauen zu fassen. Die Einbeziehung in die Gruppe wird von allen Teilnehmern aktiv unterstützt.

Das Schwule Jugendnetzwerk Lambda

Aus der Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR heraus wurde 1989 der erste und einzige schwul-lesbische Jugendverband in Deutschland gegründet. Vertreter des Jugendnetzwerks saßen am zentralen runden Tisch der Jugend und nahmen dort zum ersten Mal die Interessen lesbischer und schwuler Jugendlicher wahr.

Heute ist das Jugendnetzwerk Lambda Anschlußverband des Bundesjugendrings und wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Jugend gefördert. Über seine zwölf Landesverbände und Kontaktstützpunkte und die darüber hinaus organisierten Mitgliedsgruppen und Einzelmitglieder ist das Jugendnetzwerk in fast allen Bundesländern vertreten. Der nordrhein-westfälische Landesverband (Schwules Jugendnetzwerk NRW Lambda e.V.) existiert seit 1992. Neben der politischen Interessenvertretung junger Schwuler und Lesben organisiert das Jugendnetzwerk zentrale landes- und bundesweite Angebote für Jugendliche. Diese umfassen:

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 7 - 10]