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Die Strategie des "Edutainments"

oder "Sch(w)ulbildung" als Verpackungskunst

von Dieter Faßdorf

Über Jahrhunderte hinweg wurde Sexualität weitgehend tabuisiert; dies gilt insbesondere für das Thema Homosexualität. Erst im Zuge der "sexuellen Revolution" Ende der 60er Jahre begann eine gewisse Liberalisierung, mit der die tradierte Ausgrenzung der Sexualität aus dem Alltagsleben beendet oder doch zumindest vermindert wurde. Trotz der vielfältigen Thematisierung von Sexualität und ihrer Vermarktung durch die Medien konnte sich eine vollständige Enttabuisierung, insbesondere der Homosexualität, nicht durchsetzen.

Mit dem Auftreten der ersten AIDS-Erkrankungen in Deutschland und der Gründung lokaler AIDS-Hilfen findet eine zweite "Aufklärungswelle" statt, jetzt jedoch unter dem Eindruck einer tödlich verlaufenden Infektionskrankheit. Das Ziel der Regierungsverantwortlichen - in NRW insbesondere des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) - war es fortan, die Aufklärungsbemühungen zu verstärken und zu professionalisieren, um hierdurch Neuinfektionen zu verhindern.

Zu diesem Zweck wurde Anfang 1988 in NRW das "YouthWork"-Programm zur Präventionsarbeit mit Jugendlichen initiiert. Obwohl von konservativer Seite die Hoffnung bestand, eine Rückbesinnung auf tradierte Werte, eine "geistig-moralische" Wende anzustreben, und damit Sexualität erneut zu beschränken, lag in dem "YouthWork"-Programm jedoch die Chance der hier tätigen und engagierten Pädagogen, genau diesen Tendenzen entgegenzuwirken und insbesondere dem Thema Homosexualität in ihren Präventionsveranstaltungen in Schulen und Jugendeinrichtungen ein zunehmend größeres Gewicht zu geben.

Erfreulicherweise läßt sich auch ein wieder steigendes öffentliches Interesse an den Themen Sexualität und Homosexualität feststellen, was sich in der zunehmenden Zahl ernsthafter Auseinandersetzungen in den Massenmedien widerspiegelt.

Dieser Umstand kommt - trotz weiterhin bestehender Klischees und teilweise massiver Vorurteile - dem Klima in entsprechenden Veranstaltungen mit Jugendlichen zugute. Dennoch verlangt die Brisanz des Themas eine behutsame Vorgehensweise, um nicht eben diese latent vorhandenen Vorurteile und Widerstände noch zu verstärken, was aufgrund von Negierungstendenzen oder zur Schau gestellter "Männlichkeit" von seiten einzelner Jugendlicher durchaus möglich ist.

Für die Aufklärungsarbeit, insbesondere mit Jugendlichen, bedeutet dies, daß ein strategisches Konzept des "Edutainments" verfolgt werden muß, was nicht nur sprachlich gesehen eine Verschmelzung von "education" und "entertainment" darstellt, sondern eine Verpackungskunst, über die es möglich ist, Antidiskriminierungsarbeit mit dem angestrebten Ziel einer Einstellungs- und Verhaltensänderung - also Akzeptanz und Loyalität gegenüber Schwulen und Lesben - zu transportieren.

Verpackung meint für die konkrete Arbeit mit Jugendlichen einen sexual- und spielpädagogischen Ansatz bei der Erarbeitung des Themas Homosexualität, das notwendigerweise entsprechend aufgearbeitet sein muß, in einer für Jugendliche zielgruppen- und altersspezifischen Form.

Dies bedeutet, daß sich die Beschäftigung mit dem Thema Homosexualität - insbesondere in der Schule - hinsichtlich der Organisationsformen und der methodisch-didaktischen Darbietung deutlich vom sonst üblichen Unterrichtsgeschehen abheben muß. Eine begleitende, literarische Auseinandersetzung kann somit allenfalls parallel zu einer erlebnisorientierten und spielpädagogisch aufgearbeiteten sinnvoll sein.

Im Idealfall steht von seiten der Schule ein kompletter Vormittag als Projekttag zur Verfügung, oder von seiten eines Jugendzentrums bzw. einer Gemeinde eine entsprechende Anzahl von Stunden, auf zwei oder drei Termine verteilt. Im folgenden soll nun exemplarisch dargestellt werden, wie er an Hagener Schulen von mir mit Unterstützung der Schwulen Jugendgruppe "Boy Dreams" bereits des öfteren mit ausgesprochen positiver Resonanz durchgeführt wurde.

Den von uns gestalteten Projekttagen gingen teilweise entspechende Einstiege über Textarbeit (z.B. aus Th. Grossmann, "Schwul - na und?" oder "Eine Liebe wie jede andere", Comics von Ralf König) voraus; in anderen Fällen hatten die Jugendlichen zumindest Fragen vorbereitet, die sie später den schwulen Jugendlichen stellen wollten.

Ein nach unserer Erfahrung sehr brauchbarer Einstieg zu Beginn des Projekttages an der Schule oder zum Auftakt eines Besuchs im Jugend-/Gemeindezentrum (evtl. nach einem "Warming-Up") ist das dem Buch "Männer.Liebe." von Frings/Kraushaar entliehene "Brüderrätsel", bei dem die Aufgabe der Jugendlichen darin besteht, in Kleingruppen zu diskutieren und zu entscheiden, welcher von den paarweise abgebildeten Brüdern jeweils schwul sein könnte, und Gründe hierfür zu nennen. Die anschließende Sammlung der Ergebnisse und der Vergleich mit den im Buch angegebenen Lösungen führt den Jugendlichen ihre eigenen, verbreiteten Klischees und Vorurteile vor Augen und macht deutlich, daß sich ein sicheres Erkennen in der Praxis recht schwierig gestalten kann. (Alternativ zu dem Brüderrätsel, wenn auch nicht so eindrucksvoll, kann als Einstieg eine [Folien-]Sammlung unter der Überschrift "Wie erkennt man einen Schwulen?" eingesetzt werden.)

Zur Schließung teilweise erheblicher Wissenslücken über schwul-lesbisches Leben, die zu einem großen Maß Ursache für gängige Klischees und Ablehnung sind, folgt als nächste Erarbeitungsstufe ein Quiz, zu dessen Durchführung die Gesamtgruppe in zwei etwa gleichgroße Mannschaften aufgeteilt wird. Diese stellen sich gegenseitig jeweils abwechselnd auf Karteikarten vorformulierte Fragen zum Thema Homosexualität und vergeben für die Beantwortung durch die gegnerische Mannschaft entsprechende Punkte, die auf Folie o.ä. festgehalten werden. Die Fragen in diesem Quiz bieten vielfältige Möglichkeiten - je nach Vorkenntnissen und Bedürfnissen der Jugendlichen -, tiefer in einzelne Aspekte einzudringen. Neben Begriffserklärungen (was bedeutet "schwul", "homosexuell", was ist eine "Tunte", ein "Transvestit", ein "Rosa Winkel", "Coming-Out" oder ein "Rosa Telefon") ranken die Fragen auch um Angebote der jeweiligen Stadt (u.a., um evtl. verdeckt lebenden schwulen/lesbischen Jugendlichen Anlaufmöglichkeiten aufzuzeigen), um allgemeine Fakten (wieviel Prozent sind denn schwul/lesbisch, Inhalt des § usw.) oder um schwule/lesbische Persönlichkeiten (als positive Identifikationsfiguren). Das Quiz trägt durch die breitgefächerten Fragen ganz erheblich zu einem Abbau der durch Unwissenheit verursachten Vorurteilen bei den Jugendlichen bei, was schon oft durch entsprechende Kommentare deutlich wurde.

Falls ausreichend Zeit zur Verfügung steht, bietet sich bei älteren Jugendlichen (Oberstufe an Schulen oder Gruppenleiterrunden in Kirchengemeinden) ergänzend ein Rollenspiel an, bei dem mehrere verschiedene Rollen vergeben werden, denen jeweils eine Beobachterin oder ein Beobachter zugeordnet wird. Die Rollenspieler versuchen, sich in ihre Rollen (der konservative, offene Gegner, der Pseudotolerante, der anonymen Sex und Tunten entschieden ablehnt, der tolerante Linke, der Symphatisant, der positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Schwulen gemacht hat, der Moralist, der sich im Schwimmbad angemacht fühlt, der verdeckte Schwule, der offen schwul L(i)ebende usw.) hineinzuversetzen, und diskutieren ein Problem, z.B. der Antrag einer Schwulen Jugendgruppe zur Bereitstellung von Räumen und Telefon in einem Jugend- oder Gemeindezentrum.

Zum Abschluß der Veranstaltung wird den Jugendlichen in einem Kreisgespräch Gelegenheit gegeben, die im Vorfeld vorbereiteten Fragen (und natürlich weitere) an die - im Idealfall mitwirkenden - schwulen Jugendlichen zu stellen. Dieser Teil ist erfahrungsgemäß der krönende Höhepunkt eines jeden Projekttages bzw. Besuchs in der Jugendgruppe, der mit Abstand die bleibendsten Eindrücke bei den Jugendlichen hinterläßt. Bewunderung wird vor allem dem Mut der jungen Schwulen entgegengebracht, die sich dieser Befragungssituation aussetzen; Verwunderung oftmals darüber geäußert, daß diese zuvor für recht exotisch gehaltenen Schwulen "in Wirklichkeit ja ausgesprochen nett und ganz 'normal' sind" (!).

Hat sich eine Schulklasse oder Jugendgruppe durch eine entsprechend aufgearbeitete Veranstaltung und den sprichwörtlich "hautnahen" Kontakt erst einmal hiervon überzeugen können, agieren sie oft als hervorragende Multiplikatoren in ihrem jeweiligen Umfeld und ziehen weitere Einladungen, Leserbriefe an Zeitungen o.ä. nach sich, was im Sinne der Antidiskriminierungsarbeit äußerst erfreulich ist.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 17 - 22]