Sch(w)ulbildung SODOM-Logo

Einleitung

von Volker Mattick

Der vorliegende Reader "Sch(w)ulbildung - Materialien zum Thema männliche Homosexualität in Schule und Jugendarbeit" ist entstanden aus einer Veranstaltungsreihe gleichen Namens, die im Januar 1994 von SODOM, der Schwulengruppe an der Universität Dortmund, in Zusammenarbeit mit dem AStA veranstaltet wurde. Wir wollen und können mit dieser Textsammlung weder ein Lehrbuch ersetzen, noch die fast unübersehbare Menge an Coming-Out-Hilfen um eine zusätzliche erweitern. Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten, Aufklärungsarbeit in dem Sinne, daß wir Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern, Jugendgruppenleiterinnen und -leitern, kurz allen, die professionell mit Jugendlichen zu tun haben, Anregungen und Möglichkeiten an die Hand geben, die Auseinandersetzung mit dem Thema Schwulsein im Unterricht und in der Jugendarbeit führen zu können.

Einen ersten Schwerpunkt bildet der Bereich der außerschulischen Erziehung. Jörg Hartel beschreibt die Probleme schwuler Jugendlicher im Coming-Out und benennt die Anforderungen an die Arbeit mit ihnen. Olaf Eigenbrodt entwickelt aus den pädagogischen Grundsätzen der Pfadfinderarbeit eine Konzeption schwuler Jugendarbeit, die er am Beispiel der schwulen Jugendgruppe BOJS verdeutlicht. Mit Jungen- und Männerarbeit in der evangelischen Kirche beschäftigt sich der Beitrag von Sven Söhnchen. Für eine Verschmelzung von Education und Entertainment zum Edutainment plädiert Dieter Faßdorf und konkretisiert dieses Modell anhand von Beispielen. Gerd-Rüdiger Wiechert und Klaus-Dieter Winietzka dokumentieren Fragen, die Schwulen und Lesben gestellt werden, die in der Jugendarbeit oder in der Schule über Sexualität aufklären.

Den zweiten Schwerpunkt bildet der Bereich der institutionalisierten, allgemeinverbindlichen Erziehung in der Regelschule. Dürfen Schwule Schule halten?, fragt Karl-Oswald Bauer in seinem Beitrag anhand von Ergebnissen aus empirischen Untersuchungen. Homosexualität im Unterricht ist oft genug noch immer ein biologisches Phänomen, das dementsprechend im Biologieunterricht bearbeitet wird, wie Michael Weiner verdeutlicht. Zum Abschluß dokumentieren wir ein Gespräch mit dem offen schwul lebenden Lehrer Willi Schraer.

Schwulsein ist fächerübergreifend. Auch der Mathematiklehrer muß mit einem Kommentar wie "Du schwule Sau" umgehen können, genau wie der Sportlehrer, dessen Schüler als "Tunte" bezeichnet wird, weil er nach Meinung der anderen zu schlecht Fußball spielt. Zu fordern ist also, daß Lehrerinnen und Lehrer, Jugendgruppenleiterinnen und -leiter endlich vorurteilsfreie, kompetente Aufklärungsarbeit leisten, in der Homosexualität als das dargestellt wird, was es ist, nämlich als eine Form der Sexualität, die weder besser noch schlechter als andere ist. (Dies gilt natürlich nicht nur für männliche, sondern auch für weibliche Homosexualität. Viele Aussagen über Schwulsein lassen sich sicherlich sehr ähnlich auch für die Lesbenarbeit formulieren, doch sahen wir uns als Schwulengruppe nicht in der Lage, uns zu diesem Thema zu äußern.) Doch wie sollen sie das leisten, ohne selbst in der Ausbildung oder Fortbildung ausreichend darauf vorbereitet worden zu sein?

Mit dieser Problematik wird sich die Fortsetzung unserer Veranstaltungsreihe beschäftigen, die für das Sommersemester 1995 geplant ist. Um Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, haben wir eine Literatur- und Adressenliste angefügt.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 5 - 6]