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Das eigene Leben leben

Pfadfinderbewegung und Homosexualität

von Olaf Eigenbrodt

1. Was haben Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit Homosexualität zu tun?

Diese Frage läßt sich auf zwei Ebenen beantworten: Die erste, quasi übergeordnete Ebene, findet sich in den Prinzipien der Pfadfinderbewegung wieder. Die Pfadfinderbewegung ist die international größte Jugendorganisation, ihre Ursprünge gehen in das Jahr 1907 zurück. Gründer der Bewegung war der Engländer Lord Baden-Powell. Zur ursprünglich nur aus Jungen bestehenden Organisation kam schnell eine für Mädchen hinzu. Formal gibt es in der Pfadfinderbewegung noch heute eine Geschlechtertrennung. In Deutschland allerdings arbeiten die meisten großen Verbände koedukativ.

Die Pfadfinder definieren sich selbst als "eine freiwillige, nichtpolitische Erziehungsbewegung für junge Leute, die offen ist für alle, ohne Unterschiede von Herkunft, Rasse oder Glaubensnebekenntnis (...)". "Zur Entwicklung junger Menschen beizutragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten [...] einsetzen können," beschreiben sie als ihren Zweck (Constitution and By-Laws of the World Organization of the Scout Movement, Genf 1990).

Die Offenheit und Toleranz der Pfadfinderbewegung gilt sowohl innerhalb als auch nach außen, wer sich also der Pfadfinderbewegung anschließt, wird nicht nach äußeren Merkmalen beurteilt, sondern danach, ob er bereit ist, die Ziele der Pfadfinderbewegung zu akzeptieren.

Zur Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen gehört auch die Entwicklung einer selbstbestimmten, verantwortungsvollen Sexualität und Liebesfähigkeit. Ein selbstbewußtes Entfalten der Persönlichkeit ist die Voraussetzung, sich in eine Gemeinschaft (welcher Form und Größe auch immer) sinnvoll einbringen zu können. Wenn man diese Grundsätze betrachtet, dann sollte es eigentlich klar sein, daß auch schwule Jungen und lesbische Mädchen bei den Pfadfindern gut aufgehoben sind und in ihrem Selbstbewußtsein eine Förderung erfahren.

Damit komme ich vom Anspruch zur Wirklichkeit. Anfang des Jahres 1994 fand sich nicht nur in der schwulen Presse die Meldung, daß der Pfadfinderverband in den USA schwule Mitglieder in seinen Reihen nicht mehr zulassen will. Und in den Ländern, in denen Lesben und Schwule grundsätzlich staatlich verfolgt oder diskriminiert werden, wird das wohl auch in den Pfadfinderverbänden geschehen.

Wie ist das aber in Deutschland? Sei der Abschaffung des § 175 werden schwule Beziehungen gesetzlich nicht mehr sanktioniert (daß staatliche Diskriminierung fortbesteht, soll hier kein Thema sein). Unabhängig davon gibt es in der Jugendarbeit schon länger eine Diskussion über Homosexualität. So auch in den verschiedenen Pfadfinderverbänden. Das Thema ist immer mit bestimmten Problemen belastet, wie überhaupt alls Diskurse über Sexualität in der Jugendarbeit. Unbestimmte Ängste von Eltern, Gruppenleitern und Jugendlichen erschweren das Reden über Homosexualität aber zusätzlich.

Es ist logisch, daß die gemeinsamen Fahrten und Lager von Pfadfindern den Jugendlichen oft erste Gelegenheiten zum Experimentieren mit ihrer (Homo-)Sexualität bieten. Während sich die heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen und -genossen aber irgendwann dem jeweils anderen Geschlecht zuwenden, ist dies bei Schwulen und Lesben natürlich nicht der Fall. In einer idealen Pfadfindergruppe wäre ein Coming-Out ohne weiteres möglich und wünschenswert (s.o.), die anderen Gruppenmitglieder werden aber in der Realität mit dem oder der Betroffenen meist nicht anders umgehen wie andere Altergenossen auch. Die Gruppenleiter wiederum begegnen dieser Problematik oft völlig unvorbereitet und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Hier liegen auch schon zwei Forderungen, denen sich die Pfadfinderverbände stellen müßten: In Gruppenleiterkursen und -trainings muß man das Thema behandeln, um ein Bewußtsein bei Multiplikatoren zu schaffen. In den Gruppen selbst sollte man im Rahmen verschiedener Gelegenheiten (AIDS-Aufklärung, Gespräche über Diskriminierung in der Gesellschaft) die Jugendlichen informieren (z.B. über schwule Jugendgruppen, Rosa Hilfen etc.) und an die Thematik heranführen (Was wäre, wenn meine beste Freundin lesbisch oder mein bester Freund schwul wäre?).

Die kleinen Gruppen, die eine Basis der pfadfinderischen Pädagogik darstellen, bieten für vertrauensvollen und offenen Austausch einen idealen Rahmen, da man sich oft schon lange kennt und den anderen unabhängig von seiner Sexualität beurteilt. Dies kann aber nur in einer vorurteilsfreien Atmosphäre geschehen, wie sie durch o.g. Schritte erreicht werden müßte.

Tatsächlich wurde das Thema in den verschiedenen Pfadfinderverbänden, wie dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) und der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) auch schon angesprochen. Entweder von Schwulen selber oder auf Verbandsebene. Im VCP gibt es inzwischen auf Bundesebene eine Arbeitsgemeinschaft Homosexualität, die durch einen vieldiskutierten Artikel in der Verbandszeitschrift ins Leben gerufen wurde und die Unterstützung der Bundesleitung hat.

Die Vernetzung solcher Arbeitsgemeinschaften aus allen großen Verbänden könnte die Basis bieten, tatsächlich Fortschritte in diesem Bereich zu erzielen und der Pfadfinderbewegung, wie schon bei anderen Themen der Jugendarbeit, eine Vorreiterrolle geben.

2. Zur möglichen Konzeption schwuler Jugendarbeit am Beispiel der schwulen Jugendgruppe BOJS.

Die BOJS - Junge Schwule in Bochum wurden gegründet, um eine Lücke im Angebot für Schwule zu schließen. Die Arbeit der BOJS ist vor allem erlebnisorientiert ausgerichtet. Mit anderen Jugendlichen werden Aktionen geplant und durchgeführt. Dabei gibt es keine "Vorturner", sondern jeder bringt seine Interessen und seine Initiative mit und ist auch bei der Organisation beteiligt. Dabei verläßt die Gruppe oft die Mauern ihres Zentrums und geht in die Öffentlichkeit. Die BOJS sind keine politische Gruppe im Sinne einer Ideologie oder der ständigen Durchführung politischer Aktionen. Gelegenheiten zu schaffen, sich schwulenpolitisch zu informieren und zu engagieren, ist bei der heutigen, doch relativ unpolitischen Generation meiner Meinung nach auch sinnvoller als Aktionen, die von einem Gruppenleiter geplant werden und von allen durchgeführt werden sollen.

Mit der Homosexualität im Alltag umzugehen, lernt man eher in der Praxis als durch das Reden darüber. Dies spricht nicht gegen das Gespräch über Probleme oder eine konkrete Beratung, meint aber, daß Schwule nicht in einem "sicheren" Getto bleiben und nur über Coming-Out und Emanzipation reden, sondern auch in der Öffentlichkeit gemeinsam auftreten und ihre Homosexualität offen leben sollten.

Daß man mit Dingen am besten umzugehen lernt, wenn man direkt mit ihnen konfrontiert wird und daß gemeinsames Erleben das Gruppengefühl und das eigene Selbstbewußtsein stärkt, sind Tatsachen, die ich selbst bei den Pfadfindern gelernt habe und die bewußt in die Konzeption dieser Jugendgruppe eingeflossen sind, ebenso wie die Tatsache, daß Jugendliche in diesem Alter keine "Vorturner" brauchen.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 11 - 14]