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Dürfen Schwule Schule halten?

von Karl-Oswald Bauer

Die Antwort auf diese Frage scheint ganz einfach zu sein. Natürlich dürfen sie. Rechtlich sind homosexuelle Lehrerinnen und Lehrer ihren heterosexuellen Kollegen gleichgestellt. Aber Rechtsnorm und Wirklichkeit klaffen in vielen Bereichen auseinander. Gilt dies auch für die Berufsausübung von Pädagogen? Sind schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen in ihren Berufspositionen ebenso akzeptiert wie "Heteros"?

Zur Beantwortung dieser Frage können wir erstmal auf unsere Alltagserfahrung zurückgreifen. Die ist widersprüchlich. Einerseits erfahren wir, daß "schwul", "Schwule Sau", "Schwuli", "Schwules Arschloch", "Schwuler Penner" zu den beliebtesten Schimpfworten unter (männlichen) Heranwachsenden gehören. Darin drückt sich eine Abwertung der Homosexualität und der Homosexuellen aus. Andererseits hören wir von offen schwul lebenden Lehrern, daß sie mit Schülern, Eltern und Schulleitung gut zurechtkommen.

Naben der Alltagserfahrung sind auch Ergebnisse wissenschaftlicher Studien geeignet, etwas Licht in das Dunkel der Einstellungen gegenüber homosexuellen Lehrpersonen zu bringen. Ein Instrument wissenschaftlicher Erforschung von Einstellungen ist die Repräsentativbefragung. Das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung hat in den Jahren 1991 und 1993 eine Repräsentativbefragung der deutschen Bevölkerung in allen Bundesländern durchgeführt, in der unter anderem folgende Aussage zur Einschätzung vorgelegt wurde:

"Menschen, die homosexuell sind und sich offen dazu bekennen, gehören nicht in den Schuldienst."

Bevor Sie nun weiterlesen, überlegen Sie kurz, welche Antwortverteilung Sie bei dieser Aussage erwarten.

Die Ergebnisse sehen wie folgt aus:

Tabelle 1: "Menschen, die homosexuell sind und sich offen dazu bekennen, gehören nicht in den Schuldienst". Angaben in Prozent (1993)
Gebiet Zustimmung Unentschieden Ablehnung Summe (N)
West 40 18 43 100 (1933)
Ost 33 20 47 100 (833)

Wie aus den Daten in Tabelle 1 zu ersehen ist, stimmen 1993 zwei von fünf Bundesbürgern im Westen des Landes für den Rausschmiß offen homosexueller Lehrpersonen aus dem Schuldienst. 1991 waren es 35% , also etwas weniger. Umgekehrt formuliert: Die Akzeptanzquote gegenüber homosexuellen Pädagogen liegt bei gut 40% im Westen und fast 50% im Osten. Von einer generellen Akzeptanz und einem "normalen" Umgang mit Homosexualität bei Pädagogen sind die Deutschen also offenbar noch weit entfernt.

Wovon hängt die Akzeptanz ab?

Die Anlage der Befragung ermöglicht es, eine Vielzahl von Zusammenhängen zwischen sozialen und demographischen Merkmalen und der Akzeptanz gegenüber homosexuellen Lehrpersonen zu überprüfen. Hierzu hatte ich wiederum eine Reihe von Vermutungen, teils theoretisch begründet, teils aus dem Alltagswissen stammend. Einige dieser Annahmen lauten: Frauen sind eher zur Akzeptanz bereit als Männer, Befragte mit guter Schulbildung sind eher akzeptierend als Befragte mit weniger Schulbildung, Akademiker sind akzeptierender gegenüber Homosexuellen als Nichtakademiker, Stadtbewohner sind aufgeschlossener als Dorfbewohner.

Nicht alle diese Zusammenhänge ließen sich auch nachweisen. Und einige der Zusammenhänge sind offenbar "Scheinkorrelationen", d.h. Zusammenhänge, die verschwinden, wenn weitere Variablen hinzugenommen werden. Herausragend unter den Zusammenhängen ist ein Befund, den Tabelle 2 verdeutlicht. Zugrunde liegen die Daten aus der Befragung von 1991.

Tabelle 2: Zusammenhang zwischen dem Alter der Befragten und der Akzeptanz gegenüber homosexuellen Lehrerinnen und Lehrern
"Menschen, die homosexuell sind und sich offen dazu bekennen, gehören nicht in den Schuldienst." Angaben in Prozent (1991); N=1735, C=0.30
Alter stimme zu teils/teils lehne ab Summe
bis 25 18 15 66 100
26 bis 35 23 19 59 100
36 bis 45 31 13 56 100
46 bis 55 39 18 43 100
56 bis 65 47 18 35 100
über 65 58 16 27 100

Auch wenn alle übrigen Variablen einbezogen werden, bleibt der deutliche Zusammenhang zwischen Alter und Akzeptanz bestehen. Junge Menschen bis 25 Jahren lehnen zu zwei Dritteln die Aussage ab, Homosexuelle gehörten nicht in den Schuldienst. Ältere Menschen über 65 Jahren befürworten zu 58% diese schwulenfeindliche Aussage und lehnen sie nur zu 27% ab.

Nur zwei weitere Faktoren, und das ist überraschend, erweisen sich als statistisch bedeutsam, auch unter den Bedingungen einer multivariaten Analyse (hier: multiple Regression). Es handelt sich dabei um die Gemeindegröße der Wohnorte der Befragten und um ihre Schulbildung. Bei der Gemeindegröße liegt die Trennungslinie bei hunderttausend Einwohnern, bei der Schulbildung liegt sie beim mittleren Bildungsabschluß.

Überraschend sind vor allem folgende Ergebnisse: Weder Geschlecht noch Elternschaft haben einen nennenswerten Einfluß auf die Akzeptanz gegenüber homosexuellen Pädagogen. Frauen zeigen nicht mehr Akzeptanz als Männer. Überraschend ist auch, daß Akademiker nicht mehr Akzeptanz äußern als Befragte mit mittlerem Bildungsabschluß ohne Studium.

Insgesamt erklären die genannten Merkmale zwölf Prozent der Gesamtvarianz. Wovon die Akzeptanz abhängt, liegt also weiterhin zu 88 Prozent im Dunkeln.

Wir sehen: Sexualität ist keine Privatsache. Zumindest nicht, solange nach Ansicht von zwei Fünfteln der Bevölkerung von der sexuellen Orientierung abhängen soll, ob einer in den Schuldienst darf oder nicht.

Machen Sie mal ein kleines Gedankenexperiment und setzen Sie an die Stelle des Begriffs "Menschen, die homosexuell sind" verschiedene andere Begriffe, die sich auf das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit, Merkmale der "Rasse" oder der Religion beziehen. Und nun überlegen Sie, was passieren würde, wenn durch die Presse ginge: 40 Prozent der Bundesbürger sind dagegen, daß solche Leute in den Schuldienst kommen.

Ich komme jetzt zurück zum Anfang meiner Überlegungen und möchte noch einiges zum Verhältnis von Ergebnissen unserer Repräsentativbefragung und bestimmten Alltagserfahrungen sagen. Ich selbst habe an Schulen die Beobachtung gemacht, daß offen schwule Lehrer und offen lesbische Lehrerinnen äußerst selten sind. In den wenigen mir bekannten Fällen hat es keine Repressionen, sondern eher positive Reaktionen aus dem Umfeld gegeben. Meine Erfahrungen als schwuler Forscher sehen so aus: Kinder und Jugendliche, die mich schon eine Weile kennen und auch persönlich schätzen, reagieren auf die Mitteilung, daß ich schwul bin, mitunter mit Überraschung, aber ohne Anzeichen zu zeigen, auf Distanz zu gehen. Eher wird das Verhältnis noch offener und manchmal sogar herzlicher. Anders sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus, die mich nicht persönlich kennen und über mich nicht viel mehr wissen, als daß ich ein Schwuler bin. In diesen Fällen muß ich mit abwertenden Bemerkungen, Beleidigungen, die auf Zettelchen gekritzelt werden und "Getuschel" rechnen.

Ich glaube, diese Erfahrung läßt sich verallgemeinern: Wo wir persönlich bekannt und eingeführt sind, schadet uns das Offen-Schwulsein nicht. Wo wir aber auf unsere Gruppenzugehörigkeit reduziert werden und keinen persönlichen Kontakt haben, müssen wir mit Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung rechnen. Auch wenn die Schwulenhasser nicht die Mehrheit haben, müssen wir mit ihrem Einfluß rechnen. Unsere Situation ist wahrscheinlich nicht ungünstiger als die vieler anderer Minderheiten, sie ist aber noch weit davon entfernt, ganz normal und o.k. zu sein.

[erschienen im Reader "Sch(w)ulbildung", 1994, S. 24 - 29]