Mit brennender Sorge

von Oliver Geppert

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Mit brennender Sorge betrachten wir die Entwicklung der Art Homo sapiens catholicus. Der katholische Mensch. Wir finden ihn im Lexikon zwischen Katastrophe und Kaugummi. Katholisch heißt "allumfassend" - das kommt nicht daher, daß sie überall vertreten sind, sondern daher, daß sie gerne alles zu sagen hätten.

Vor einiger Zeit also setzten sich diese Menschen zusammen und kürten einen aus ihrer Mitte, der die Eigenschaft haben sollte, immer recht zu haben und nannten ihn Papst. Und so einen Papst zu haben ist eine feine Sache, denn er sagt einem, was richtig und was falsch ist. So man braucht keine eigene Meinung zu haben, da es ja eine Lehrmeinung gibt, die es zu verfechten gilt. Mann kann sich das eigene Denken sparen. Und so geschah es. Es wurde Abend, und es wurde Morgen.

Bald stellte sich die Frage, wenn wir recht haben, dann müssen all die anderen ja im Unrecht sein. Wir haben in einer dicken Schwarte, die den Namen "Buch der Bücher" trägt, alles das zusammengefaßt, was recht und schlecht ist - und alle anderen Menschen müssen sich danach richten. Denn das ist Gottes Wille. Sie richteten sich gegen die Juden - und verloren. Sie richteten sich gegen die Muslime - und verloren. Flugs definierten sie: Die Katholiken sind auf dem Weg, die Juden nahe dran und die Muslime nicht weit weg. Und recht haben wir immer noch.

Da es noch jemanden geben mußte, der unrecht hat, sagten sie, daß es die Schwulen und die Lesben, kurz: die Homosexuellen wären. Sie fanden Gründe gegen die Homosexualität in ihrem Buch, der "Bibel", schrieben flugs ein zweites, welches da hieß "der Katechismus" und hatten so sie noch mehr Gründe, um dieses "Fehlverhalten" zu verbieten.

Beim Geschlechtsakt von Schwulen ist die Weitergabe von Leben ausgeschlossen. Daher widerspricht er dem "natürlichen" katholischen Gesetz. Ganz anders zu werten ist natürlich das katholische Zölibat, da es sich vom Vater auf den Sohn vererbt. Da die Kirche schon immer gerne unterdrückt hat, sollten auch die Homos ihre Lustgefühle unterdrücken. Schwul und lesbisch dürfen sie ja sein, aber bitte nur außerhalb der Epidermis, denn "homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen..." (KKK 2359). "Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen." (Lev 20, 13). So die Einheitsübersetzung der Bibel.

Interessanterweise übersetzte Dr. Martin Luther diese Stelle mit "Wenn jemand beim Knaben schläft, wie beim Weibe, die haben ein Greuel gethan, und sollen beide des Todes sterben, ihr Blut sey auf ihnen." Auch der vielzitierte Apostel Paulus, der ein Kenner der Bibel bzw. des Alten Testamentes war, spricht von "Lustknaben" und "Knabenschändern" (1 Kor 6, 9-10; 1 Tim 1, 9-10). Sagt die Kirche jetzt, daß alle Homosexuellen Päderasten sind? Nein, das traut sie sich nun doch wieder nicht.

Folglich werden neue Argumente gestrickt: "Sie [homosexuelle Handlungen, Anm. d. Verf.] entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit" (KKK 2357). Eine Spontanumfrage in einem kleinen und unbedeutenden, aber "allumfassenden" Dorf im Münsterland förderte Erstaunliches zu Tage:

"Affektiv-geschlechtliche Bedürftigkeiten? Sind das nicht die Schweinereien, die immer auf Er-Te-El laufen? Nee, so was gibt es bei uns nicht, wir sind schließlich katholisch!" Na schade eigentlich.

Aber, was bedeutet dies nun? Nehmen wir die Aussage einmal auseinander. In meinem Wörterbuch steht unter affektiv: "(lat.), das Gemüt betreffend, seelisch". Die katholische Kirche erdreistet sich also zu behaupten, daß zwei Männer bzw. zwei Frauen nicht das Bedürfnis haben können, einander seelisch nahe zu sein. Oder kurz: Ein Mann kann sich nicht in einen Mann verlieben, eine Frau nicht in eine Frau. Das ist beschlossen worden und damit basta.

Aber woran liegt es, daß der Papst lieber Frauen als Männern hinterher guckt (wenn er überhaupt jemandem hinterhersieht)? Liegt es nicht vor allem daran, daß er heterosexuell veranlagt ist? Das Heteros unfähig sind, sich in jemanden des gleichen Geschlechtes zu verlieben, ist hinlänglich bedauert worden. Aber gerade das ist es doch, was sie von Homosexuellen unterscheidet!

Wenn man den Faden mit dem gleichen Begründungsschema weiterspönne, könnte man schließen, daß Bach nicht komponieren konnte, weil es der Papst auch nicht kann! Also: Nonsens!

Der zweite Teil bezieht sich auf geschlechtliche Ergänzungsbedürftigkeit: Doch, dazu sind wir fähig, oohhh jaaah! "Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung da. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen..." (KKK 2358).

In meinen Augen ist der erste Satz in Ordnung. Für mich - und für die Schwulen, die ich kenne - stellt Homosexualität eine Prüfung dar. Das ist richtig. Allerdings nicht im Sinne von "Liebe Frau Dr. Berger. Ich bin schwul. Wie kann ich das ändern?", sondern eher, daß ich mich frage: "Wie gewinne ich schwules Selbstvertrauen?" Ich bin schwul und was die anderen dazu sagen, ist mir scheißegal.

Dadurch, daß gewisse Gruppen der Menschheit uns einzureden versuchen, Homosexualität sei eine Sünde, versuchen sie uns ein schlechtes Gewissen zu machen, geraten viele Leute, die ihre Non-Hetero Gefühle entdecken, in schwere seelische Konflikte, die manchmal bis zum Freitod führen. Die Kirche hat nichts anderes zu tun, als diese Menschen auch noch in ihren Schuldgefühlen zu bekräftigen. Nicht wenige sind daran seelisch zerbrochen. Nicht wenige davon sind heute tot.

Und wofür? Dafür, daß die Kirche nicht zugeben will, daß sie sich irrt. Auch wenn wir seit zehn Jahren glauben dürfen, daß sich die Erde um die Sonne dreht... Da hilft auch kein Mitleid oder Takt mehr. Die Homosexuellen sollen sich durch Keuschheit, "durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern." (KKK 2359).

Das sieht dann wahrscheinlich so aus, wie es der Apostel Paulus sieht: "Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine." (1 Kor 7, 27).

"Denn ich sage euch Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine." (1 Kor 7, 29).

"Wer seine Jungfrau heiratet, handelt also richtig; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser." (1 Kor 7, 38).

"...Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren." (1 Kor 7, 1).

"Ich wünschte, alle Mensche wären (unverheiratet) wie ich..." (1 Kor 7, 7).

In der christlichen Vollkommenheit gibt es also keine fleischlichen "Sünden". Moment mal, "christliche" Vollkommenheit? Dann muß es ja noch eine andere Art geben, vollkommen zu werden. Eine, in der ein Mensch einen anderen Menschen in Frieden lieben und zu ihm gehören darf. Unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion... und Sexualität.

Liebe, meine Herren in Rom und anderswo, ist keine Glaubens-, sondern eine Tatsache. Sie läßt sich nicht unterdrücken.

(KKK : "Katechismus der Katholischen Kirche", München : Oldenbourg 1993)

[erschienen im "SODOM Semsterprogramm", WS 94/95, S. 7 - 8]