SODOM-Logo

Umfrage - Umfrage - Umfrage

von ricki Wegner

Liebe Leserin!

Magst Du ... (schluck) - bevorzugst du ... (äh) - liebst du Männer? (Puh, jetzt ist es gesagt.)

Lieber Leser!

(Wie frage ich ihn bloß?) Bis du lieber mit einer Frau zusammen? (Mist, das ist nicht eindeutig.)

Falls du jetzt mit "ja" geantwortet hast, bis du heterosexuell. Was für ein sperriges, biologistisches Wort, wirst du sagen. Vielleicht magst du ein anderes lieber, das dein Privatleben nicht auf Bettgeschichten reduziert und deine Gedanken- und Gefühlswelt nicht über die Sexualität definiert, aber dies ist nun mal das Wort dafür. Umgangssprachliche und beschönigende Bezeichnungen werden nicht geduldet.

Falls du eben mit "ja" geantwortet hast, möchte ich dich bitten, einmal den folgenden Fragebogen zu beantwortet. Es geht ganz schnell, und es ist sehr wichtig, da die Erforschung der Heterosexualität bisher zu wenig betrieben worden ist und dann auch meistens von Leuten, die Argumente dafür suchten, daß Heterosexuelität eine Krankheit oder krankhafte Veranlagung oder eine frühkindliche Prägung ist.

  1. Was hattest du über Heterosexuelle gehört, bevor du erkanntest, daß du eineR bist? Warst du jemals einem oder einer Heterosexuellen begegnet? Haben Menschen, die du kanntest, Witze über Heterosexuelle gemacht, und hast du in der Schule gelernt, daß Heterosexualität eine ekelhafte oder bedauernswerte Krankheit ist? Stand Heterosexualität im Biologie- oder Religionsbuch deiner Schulzeit neben Exhibitionismus, Sodomie und Nekrophilie?
  2. Wieviel Zeit brauchtest du, bis du akzeptieren konntest, heterosexuell zu sein?
  3. Hast du deinen Eltern erzählt, daß du heterosexuell bist? Falls nicht, wie hälst du es vor ihnen geheim? Falls ja, wie hast du es ihnen gesagt? Wie haben sie reagiert? Haben sie dich gebeten, es doch wenigstens zu verschweigen? Haben sie dich aus dem Haus geworfen?
  4. Wissen deine MitstudentInnen, KollegInnen und deinE ChefIn Bescheid? Wenn ja, wie hast du es ihnen gesagt? Wie haben sie reagiert? Hast du Befürchtungen gehabt, eine Arbeitsstelle deswegen zu verlieren und falls ja, hast du sie verloren?
  5. Hattest du irgendwelche religiösen Konflikte, als du merktest, daß du heterosexuell bist? Falls ja, wie hast du sie überwunden?
  6. Hat die Erkenntnis, daß du heterosexuell bist, deine politischen Ansichten verändert?
  7. Wie fandest du andere Heterosexuelle, mit denen du dich austauschen konntest, und wie lange hast du nach einem Treffpunkt heterosexueller Menschen gesucht? Gibt es an deinem Wohnort einen solchen Treff, und falls nicht, wieviel Kilometer mußt du zurücklegen, um einmal unter deinesgleichen zu sein?
  8. Wie alt warst du, als du zum ersten Mal in eineN andereN HeterosexuelleN verliebt warst statt in jemanden, der/die deine Verliebtheit widerlich fand oder ihr völlig hilflos gegenüberstand?
  9. Wie oft wird dir im Durchschnitt gesagt, Hetersexuelle seinen unsachlich, da sie sich immer nur mit ihren Identitätskrisen beschäftigen würden? Wieviele Menschen, die du sehr gern hattest, haben sich von dir abgewandt, nachdem du dich dazu durchgerungen hattest, es ihnen zu sagen?

    Wieviele haben andererseits gesagt, deine "sexuelle Orientierung" sei ihnen doch egal, und damit dein Privatleben und die Wahl deines Bekanntenkreises auf tierhaftes Fortpflanzungsverhalten reduziert? Hast du das Gefühl, daß diese Menschen dein Vertrauen und deine Zuneigung verletzt haben?

  10. Traust du dich, Bekannten etwas von deinem Privatleben mitzuteilen (z. B. daß du an einem Theaterworkshop deiner heterosexuellen Gruppe teilgenommen hast)? Wie oft wird dir im Durchschnitt gesagt, du sollest doch nicht so peinlich direkt auf deine Heterosexualität hinweisen? Wie oft wechselt dein Gegenüber sofort das Gesprächsthema?
  11. Hast du irgendwelche Anhaltspunkte, um einzuschätzen, was die Leute wirklich über dich denken, die deine Heterosexualität einfach totschweigen?
  12. Wann hast du es aufgegeben, das Fernseh- und Kinoprogramm nach einem heterosexuellen Film durchzuforsten? Hast du die Erfahrung gemacht, daß deine Suche meistens doch umsonst ist, und wenn es einmal etwas gibt, enden die Filme in 90% der Fälle tragisch oder mit der moralischen Verurteilung der oder des Heterosexuellen?

    Wieviele Bücher, in denen Heterosexuelle vorkommen, habt ihr in der Schule gelesen? Wo bekommst du solche Bücher heute her? Bekommst du sie von deinen Tanten zu Weihnachten geschenkt, oder schicken sie dir nur Bücher, in denen andere Lebensformen als selbstverständlich angesehen werden?

  13. Hast du Angst vor unanständigen oder bedrohlichen Anrufen, wenn du deine Telefonnummer als Kontaktadresse für eine heterosexuelle Gruppe bekanntgibst? Schaust du dich ängstlich oder gewohnheitsmäßig nach Faschos im, wenn du mit deinem Partner bzw. deiner Partnerin abends Hand in Hand spazieren gehst?
  14. Hast du dir diese Fragen schon einmal gestellt oder bist du gar in einer solchen Weise befragt worden?

Ich wollte dir damit einen Eindruck vermitteln, was es heißt, sich mit solchen Fragen Tag für Tag, ein Leben lang, auseinanderzusetzen zu müssen.

Falls du diese Fragen schon kennst, wenn auch aus einer anderen Perspektive, dann haben wir etwas gemeinsam. Ich hoffe jedoch, daß wir noch etwas mehr gemeinsam haben - nämlich den Wunsch, ein lesbisch/schwules Netzwerk an der UniDo zu gründen. Wie dies genau aussehen soll, wird sich ergeben - ein Verteiler für Informationen, eine Gesprächsgruppe, private Kontakte und als Fernziel vielleicht ein Schwulenreferat - warum sollten die Schwulen es schlechter haben als wir Lesben, die wir im Frauen- und Lesbenreferat schon eine Lobby (im doppelten Wortsinn: einen gemütlichen Pausenraum und eine engagierte Vertretung) haben.

Also, liebe Lesben, Schwule und solche, die es werden wollen (keine Angst, wenn du noch nicht ganz sicher bist, andere sind auch nicht mit dem perfekten schwul/lesbischen Bewußtsein und der entsprechenden Sozialisierung geboren, ganz im Gegenteil), als provisorische Ansprechperson versucht mal [...], mit Vorliebe zu unmöglichen Zeiten; oder schreibt mir an [...]; oder sucht mich im Umfeld der Informatik-Gebäude. Ab und zu erkennt ihr mich an einem Button mit der Aufschrift: Lesben sind immer und überall.

[zuerst erschienen in "The Busy Beaver", Nr. 63, Juni 1990, S. 13 - 15]