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Es sprach die Jul“ zum Romeo:
"Los, mach, ich nehm die Pille!"
Der Romeo macht nicht und spricht:
"Allein: mir fehlt der Wille."

Die Julia zürnt und tobt und zuckt:
"Ich etwa häßlich oder dumm? Nicht cool?"
Der Romeo (ganz Schwuchtel) tuckt:
"Nein, Süße, ich bin schwul!"

M. E. (Frühwerk)

"Äh sorry, gibt“s hier gleich den Sekt?" - "Wir haben zumindest noch Hoffnung!"

von M. E.

So oder so ähnlich verlief der Beginn eines Dialoges, den ich vor ungefähr einem Jahr abends in einem Flurbereich der Ex-PH führte. Harmlos, meint ihr? Belanglos? Einfallslos gar? Sicher, für Außenstehende und in normaler Alltagssituation vielleicht. Aber nicht für mich und nicht an diesem Abend. Ich kann euch gar nicht schriftlich oder mit unbetonten Worten klarmachen, wie schwer mir meine Frage fiel und wieviel sie für mich bedeutete. Seit dem Mittagessen war ich schon nervös gewesen, und es war nicht die übliche Nervosität wie die Kribbeligkeit vor Prüfungen oder die gewissensbissige, die sich bei Verkehrskontrollen mit abgelaufenem Verbandskasten einstellt. Es war eine generalisierte, allumfassende, absolute Nervosität mit Muskelflattern und Röhrenblick, eine Lamm-Wolf- oder Zebra-Löwin-Nervosität. Dabei bestand gar keine Lebensgefahr. Im Gegenteil - ich hatte mir fest vorgenommen, der Einladung zu einer Feierlichkeit zu folgen. Und ich würde wahrscheinlich einige nette Mitstudenten treffen, die zumindest eine Gemeinsamkeit mit mir hätten: sie wären auch schwul.

Jetzt werden einige sagen: Puh, schon wieder eine Coming-Out-Geschichte eines verklemmten Schwulen, der erst mit 24 zu sich findet. Stimmt. Außerdem ist wahrscheinlich eine gehörige Portion Exhibitionismus, ein übermäßig ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis und Glorifizierung mit im Spiel. Sei“s drum. Ihr müßt ja nicht weiterlesen. Eigentlich hoffe ich aber, daß dieser Text Euch nicht-bekennenden Schwulen zum coming out verhilft. Nur aus diesem Grund gebe ich ausnahmsweise sehr persönliche, ja gar intime Dinge preis, die eigentlich niemanden etwas angehen.

Es fing natürlich, wie alles Sexuelle, mit dem Beginn der Pubertät an. Fast ohne es zu merken hatte ich - im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden - kein Interesse an Mädchen. Das hört sich noch nicht sehr eindeutig an, oder? Tja, das wurde es aber recht schnell: Ich erinnere mich, daß ich eine damals wahrscheinlich sehr gewagte schwarz-weiße Davidoff-After-Shave-Werbung mit der von hinten angeleuchteten Silhouette eines muskulösen nackten Mannes so überaus faszinierend fand, daß ich sie mehr als einmal mit einem wohlig warmen Gefühl der aufgeregten Spannung betrachtete. Von Erregung konnte damals noch keine Rede sein. Gegen unterbewußte Gehirnaktivität ist man gerade im Schlaf besonders machtlos und so stellten sich mit beginnender körperlicher Reifung unweigerlich die ersten "feuchten Träume" ein, in denen mich Männer in Jeans von hinten zärtlich festhielten oder sich an mich drückten. Mit mir als der immer noch personifizierten Unschuld waren meine Träume politisch korrekt: es gab weder Küsse zwischen Männern noch direkte Nacktheit noch sexuelle Handlungen. Irgendwann begann auch ich mit dem Abbau hormonell bedingter Erregungszustände (habe ich das nicht sehr elegant umschrieben?), doch mußte ich einen Unterschied zwischen mir und meinen Mitschülern entdecken, die - meist unaufgefordert - zum Besten gaben, dabei an irgendwelche Busenwunder oder halbwegs gutaussehende Mädchen zu denken: Ich stand total auf Kai Böcking. Muß ich betonen, daß ich in dem Alter das Wort "schwul" überhaupt nicht mit diesen Phänomenen in Zusammenhang brachte? Der kleine Unterschied zwischen mir und anderen Jungen war leider nicht in der Erziehung der Eltern oder der sexuellen Aufklärung im Biologieunterricht vorgesehen worden, ich war alleingelassen mit ihm und verwirrt und "Schwuli" war einfach nur ein schnell dahergesagtes Schimpfwort ohne Bedeutung.

Es wäre nun wahrscheinlich der richtige Zeitpunkt gewesen für eine erste Freundin. Doch offensichtlich überfordert mit der Situation verdrängte ich meine Sexualität völlig und wurde das, was man gemeinhin als "prüde" bezeichnet: Ich konnte keine anzüglichen oder pubertierenden Gespräche leiden, geschweige denn selbst auch nur die sterilen Worte "Busen" oder "Penis" sagen, ohne vor Scham im Boden zu versinken. Außerdem, und dies mag nicht unbedingt eine Konsequenz aus dem vorher Berichteten sein, verkroch ich mich in meine eigene Welt, die hauptsächlich aus Computern bestand. Mir war alles peinlich, ich konnte keinen fremden Menschen ansprechen, ohne rot zu werden. Ich war, um es hart zu formulieren, sozial inkompetent.

Doch das Leben ging trotzdem weiter - ich begann zu studieren. Ein neuer Lebensabschnitt, Ablösung vom Elternhaus, Selbständigkeit möchte man annehmen. Und vielleicht endlich Gelegenheit, Schwule kennenzulernen. Pustekuchen! Mein Verdrängungsmechanismus war anscheinend beneidenswert effektiv und lange glaubte ich mir einreden zu können, daß ich irgendwann schon eine Freundin haben würde. Nach außen hin war ich oft ziemlich witzig, umgänglich, fidel und nett, aber innerlich herrschte eine Art schleichende Depression und Lebensziellosigkeit, die später oft in schlechte Laune und unbegründeten Zorn gegen alles und jeden überging. Ich lebte eigentlich nur für den Alltag (der ja auch einiges zu bieten hat), brachte wenig Energie für Neues auf, hatte keine Lust auf Parties oder überhaupt andere Menschen. Ich entwickelte einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex, während ich mich voll auf das Studium konzentrierte.

Doch gegen meine psychosexuelle Prägung war ich natürlich machtlos. Verstohlen betrachtete ich attraktive Männer, die die Uni entgegen anderslautenden Gerüchten in Mensa, Hörsaal und H-Bahn zu bieten hat: knackige Hintern in engen Hosen, muskulöse Oberarme, blond behaarte, gebräunte Unterarme, hinter Hemdkragen hervorlugende Schlüsselbeine, breite Rücken, kraftvolle Schulterblätter, enge T-Shirts, einen coolen Gang, geile Dreitagebärte, ausrasierte Nacken und schnuckelige Gesichter. In unbeobachteten Situationen auch mal einen prall gefüllten Schritt.

Irgendwann kam die Zeit, da ich mit immer größerer Dringlichkeit zu mir selbst sagen mußte: "Tja, Du bist offensichtlich schwul, Du stehst auf Männer, hab“ das doch endlich wahr!" Aber ich wollte es nicht wahrhaben oder war unfähig, irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. DAS mußte unter allen Umständen verschwiegen werden. Was sollen denn die Leute denken? Das ist doch peinlich!! Außerdem finden Dich dann Deine Eltern und alle Leute eklig und die Profs lassen Dich durchfallen und Du findest keine Arbeit. Ungefähr zwei Jahre hielt ich diesen Zustand aus. Vollends akzeptierte ich wohl meine Sexualität, als ich mir über das Internet Bilder von nackten Männern besorgte.

Ganz allmählich begann der Prozeß der Emanzipation. Ich unternahm aktiv Schritte, um mein Selbstbewußtsein zu steigern. Es waren ganz belanglose Dinge wie zum Beispiel nach Jahren mal wieder ins Schwimmbad zu gehen oder in die Disko. (Mit 22 zum ersten Mal in der Disko, DAS ist pervers, oder?) Während meiner Diplomarbeit hatte ich dann den Mut, auf eine Anzeige zu antworten, in der ein nicht bekennender Schwuler eine Brieffreundschaft suchte. Diese hielt 6 Monate, war sehr intensiv und hat den größten Teil dazu beigetragen, daß ich dann endlich am 30.10.1997 die Einladung zum Sektempfang der Schwuleninitiative SODOM annahm.

Damit begann in gewissem Sinne ein zweites Leben, eine Metamorphose war eingeleitet, ein umwälzender und turbulenter Prozeß, der noch nicht abgeschlossen ist und es so bald auch nicht sein wird.

Ich habe mich zwei Wochen später vor meinen Schwestern geoutet und dann peu-a-peu dem engsten Freundeskreis. Alles war neu.

Ich habe neue Freunde und Bekannte gewonnen, andere Schwule, die Ähnliches durchlebt haben oder auch gänzlich Anderes. Meine Telefonrechnung ist um den Faktor fünf gestiegen, meine monatlichen Ausgaben haben sich verdoppelt. Ich war nun schon mal verliebt und ahne, was Zweisamkeit bedeutet.

Ich habe endlich das Gefühl, am Leben teilzunehmen. Ich reflektiere meine Lebenssituation klarer als zuvor und bin recht selbständig und selbstbewußt geworden. Ich habe viel über meine Situation und über mein zukünftiges Leben nachgedacht und bin mittlerweile nach einigen Hochs und Tiefs zu der vorläufigen Arbeitshypothese gelangt, daß es als Schwuler ein bißchen kompliziert ist, aber auch interessant, inspirierend und glücklich sein kann.

Genug der Ich-Sätze! Genug der Glorifizierung! Niemand kann behaupten, daß mir das Coming Out zu sofortigem Glücklichsein verholfen hat. Im Gegenteil, es öffnete sich ein breitbandiger Fächer neuer Emotionen und Erfahrungen, von denen die meisten der Mehrzahl der Menschen längst bekannt sind, wie z.B. die unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit und Zuneigung; unerwiderte Verliebtheit; Einsamkeit; die Angst vor AIDS; die übliche Sorge, nicht attraktiv zu sein; Zurückweisung; frustrierender Szenestreß; spontane Gefühlsverwirrungen und die Erfahrung, daß man einen Menschen auf der Ebene der Gefühle blitzschnell und hart verletzen kann. Das Coming Out vor meinen Eltern steht mir noch bevor.

Ich habe noch längst nicht alle Lektionen gelernt, aber ich bin gespannt darauf!

(Ich fürchte, dieser Text trieft vor Pathos. Aber er gefällt mir!)

[erschienen in "SODOM : Informationen für Erstsemester", WiSi 98/99, S. 7 - 9]