SODOM-Logo

Begegnung der 3. Art

von Christoph Kesselmeier und Oliver Geppert

Überschlägig sitzt in jeder Reihe eines voll besetzten Hörsaales mindestens ein Schwuler. 2 (zwei!) davon machten sich im WS 93/94 daran, die mysteriöse Schwulengruppe SODOM, die damals noch im Fachschaftsraum Bauwesen residierte, aufzusuchen.

Oliver:

"Es ist kalt draußen. Im Schutze der hereinbrechenden Dunkelheit mache ich mich auf den beschwerlichen Weg. Unaufhaltsam tragen meine Beine mich in mein Verderben. Mein Verstand schreit "Nein!", aber längst hat mein wahres Selbst die Kontrolle übernommen. Ich habe Angst. Plötzlich, ein Schatten. Glück gehabt, schon vorbei! Da, der nächste! Kenne ich den? Scheiße, ja! Ich weiche schnell aus, laufe einen Umweg. Ich hätte die Bahn nehmen sollen, aber mit Publikum hätte ich mich das nie getraut. Es regnet. Trotzdem schwitze ich am ganzen Körper. Wenn ich daran denke, was ich vorhabe, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich bin da. Halt, da steht einer vor der Tür. Vorbeilaufen, warten, dann den richtigen Moment abpassen. Rein ins Gebäude. Keiner hat mich gesehen. Wo ist jetzt dieser Raum? Abgeschlossen. Ich bin zu früh. Ich will gehen. Da kommt jemand auf mich zu: 'Willst Du auch zu dieser Gruppe?' 'Ich, äh, glaube schon.' Ein Dritter, plötzlich aufgetaucht, hat das gehört: 'Wenn Du zu SODOM willst, dann bist Du hier richtig!'"

Christoph:

"'Schwulbildung' hieß das Thema der Veranstaltung, die am Tage X stattfand, dem Tag, an dem ich mich zum ersten Male in die Höhle des Löwen, bzw. der Schwulen begab. Von der Thematik der Diskussion ist natürlich nicht viel hängengeblieben - ich war schließlich den ganzen Abend damit beschäftigt, niemanden anzusehen und - vor allen Dingen - von niemandem gesehen, oder gar erkannt zu werden. Logisch, daß die Veranstaltung für mich kein Genuß war - zwei bis drei Schachteln Zigaretten und vor Anspannung durchgeschwitzte Klamotten waren ein offensichtliches Zeichen dafür. Aber der Anfang war gemacht und die Hemmschwelle zum regulären 'Kaffeekränzchen' der Gruppe zu gehen, sank soweit, daß ich in der nächsten Woche den Mut dazu aufbrachte. Ich erwartete 20 Leute, die sich seit Jahren kannten und angeregt unterhielten - während ich entreten und mich schnell in einer dunklen Ecke verkriechen würde. Doch nachdem ich den Raum durch freundliche Mithilfe einer Studentin gefunden hatte ('Ahm, hast Du eine Ahnung wo hier die ähhm schwule Uni-Gruppe ist?') sah ich nur eine Horde hektischer Leute, die gerade versuchten, mit irgendeinem Gesellschaftsspiel klarzukommen. Meine Verstärkung wurde dankend angenommen und ich hatte die Chance, in meiner Aufregung das Punktekonto meiner Mannschaft zu veröden."

Ja, und heute ist alles gar nicht mehr so schlimm - wir pilgern fast zu jedem Treffen von SODOM, begegnen fast täglich irgendwelchen bekannten Gesichtern auf dem Campus und haben Leute kennengelernt, die ähnlich Probleme wie wir haben/hatten.

Es lohnt sich also wirklich, mal bei SODOM oder dem Café des AStA-Schwulenreferats vorbeizuschauen! Oder beides...

[zuerst erschienen in "The Busy Beaver", Nr. 76, Juli 1994, S. 26]